06.04.10
Opfer der eigenen Ansprüche
Premiere von Bohuslav Martinus Oper "Die Griechische Passion" in Karlsruhe

Von Christine Gehringer

Eine umjubelte Premiere von Bohuslav Martinus selten aufgeführter Oper "Die Griechische Passion" erlebte das Badische Staatstheater Karlsruhe zur Osternacht. Das Flüchtlingsdrama nach dem Roman "Der wieder gekreuzigte Christus" von Nikos Kazantzakis ist ein echtes Juwel unter den Opern des 20. Jahrhunderts. Während der Lektüre von "Alexis Sorbas" wurde Martinu auf diesen weiteren Roman des griechischen Schriftstellers aufmerksam; die Uraufführung der "Griechischen Passion" erfolgte 1961, nach Martinus Tod.

Die Griechische Passion, Badisches StaatstheaterÜber der frömmelnden Gemeinde hebt und senkt sich ein gläsernes Kirchendach. Ein Schutzraum, der das Volk Gottes vor störenden äußeren Einflüssen bewahren soll, doch es ist eher ein knapp bemessener Raum, der die Menschen einzwängt - und ein wenig hat man das Gefühl, dass die Bewohner des reichen Dorfes Lycovrissi immer dann in ihrer Handlungsfähigkeit erheblich eingeschränkt sind,
wenn Priester Grigoris zu spricht: Glaube macht hier keineswegs frei.

In erster Linie will man sich in diesem satten, zufriedenen Dorf abschotten gegen einen Strom aus Flüchtlingen, deren Dorf von Türken zerstört und geplündert wurde. Es ist Ostersonntag, und gerade hat Priester Grigoris die Rollen für die nächsten Passionsspiele verteilt, als die Dorfbewohner urplötzlich mit Armut und Krankheit konfrontiert werden. Schafhirt Manolios, der Christus-Darsteller, ist fest entschlossen, den Flüchtlingen zu helfen - und er identifiziert sich dabei mehr und mehr mit der ihm zugedachten Rolle. Diese Identifikation reicht bis zur Selbstaufgabe: Die Hochzeit mit seiner Verlobten Lenio scheint ihm plötzlich fern; er ist innerlich hin- und hergerissen, kann nicht mehr zwischen Vision und Realität unterscheiden.
Doch dem unnachgiebigen Priester Grigoris - bemerkenswerter Weise die Verkörperung des Unmenschlichen - ist diese Humanität ein Dorn im Auge; er sieht Wohlstand und Stabilität des Dorfes bedroht. Diese Situation spaltet indessen die Gemeinschaft, sie bringt sowohl die sensibelsten als auch die abgründigsten Seiten des Menschen hervor.
Als letzter Ausweg bleibt offenbar nur noch die Lynchjustiz (in der Karlsruher Inszenierung die Kreuzigung); zuvor aber stachelt Manolios die Dorfgemeinschaft noch zur Bluttat an, denn: "In dieser unserer Welt kann nichts ohne Blutvergießen getan werden; eine solche Welt muss untergehen."
Manolios' sprichwörtliches "Kreuz" besteht also darin, dass er am hohen Anspruch seiner Rolle scheitert: Offensichtlich liegt es in der Natur des Menschen zu glauben, dass man die eigene Vorstellung von irdischer Gerechtigkeit notfalls mit Gewalt durchsetzen müsse.

Die Griechische Passion, Badisches Staatstheater KarlsruheNicht der religiöse Stoff reizte der Martinu zur Vertonung - vielmehr interessierte ihn die Frage nach menschlichen Werten an sich.
Im Zentrum der Oper steht die Auffassung einer Religions-Ausübung, die über die Bindung an kirchliche Lehren hinausreicht und nur der genuinen "Nächstenliebe" gehorcht. Das Gegenstück dazu bildet eine Institution, deren Leitlinien offensichtlich nur der Machterhaltung dienen - und daraus ergibt sich eine Tragik: Diese unversöhnlichen Gegensätze können durch "menschliches" Handeln nicht aufgelöst werden können.

Martinus Musik zu diesem Drama geht direkt unter die Haut. Fast möchte man sagen, es ist großes Kino, was der Zuschauer hier erlebt: Als die Flüchtlinge ins Dorf kommen, lastet eine beklemmende Schwere über dem Orchestergraben, oftmals kommt die Szernerie fast zum Erliegen - Bedrohung, Hilflosigkeit und Unversöhnlichkeit klingen hier an. Zwischendurch keimt Hoffnung auf, und die Musik fließt im warmen, gesättigten (und beinahe süßlichem) Streicherklang, sie ergeht sich in erregtem Flimmern, findet in feierlichen Chorälen (angelehnt an die orthodoxen Gesänge) zu andächtiger Ruhe und verbreitet schließlich folkloristischen Charme in den Tänzen der Dorfbewohner.
Martinu, weit gereist und zudem erprobt in den verschiedensten Gattungen, entfacht hier einen einzigen, farbigen Bilderbogen, den Christoph Gedschold und die Badische Staatskapelle packend beleuchten.

Das tut auch das Regieteam um Georg Köhl: Die Szenen vor dem Bühnenbild von Florian Etti sind klar und wirkungsvoll; im Zentrum steht die gläsernde Kirche, die sich - auf Säulen gestellt - über die Menschen erhebt und deren Fundamente gleichzeitig von den Schutz suchenden Flüchtlingen "unterwandert" werden.
Grell zurecht gemacht ist hingegen die konsumgesättigte "Partygesellschaft" der Dorfbewohner, und außerhalb dieser Gemeinschaft sitzt Manolios, dessen Traumvisionen eine effektvolle Lichtregie (Gerd Meier, Stefan Woinke) illustriert.

Durchweg auf hohem Niveau bewegen sich auch die Sänger - eine solche Geschlossenheit erlebt man nicht immer. Aus dem großen Solistenensemble ragt besonders Hans-Jürgen Schöpflin als Manolios hervor: Mitreißend ist seine Traumerzählung im dritten Akt; der Tenor überzeugt in den kraftvollen, epischen Passagen ebenso wie durch seine lyrischen Qualitäten. Charakterstark sind daneben auch Barbara Dobrzanska als verlassene Verlobte Lenio, Sebastian Haake als aufwieglerischer Judas-Darsteller Panait, und Luiz Molz als Priester Fotis, der den Flüchtingsstrom anführt.
Großartig besetzt ist zudem die Rolle des Grigoris: Stefan Stoll spielt sie mit einer Unnachgiebigkeit, dass einen schaudert - und geradezu anrührend sind die Bekenntnisse der Witwe Katerina, einer innerlich zerrissenen Figur: Christina Niessen zeichnet ein ausgesprochen feinfühliges Bild der als "Dorfhure" bekannten Maria-Magdalena-Darstellerin. Sie ist die erste, die den Flüchtlingen ihre Hilfe anbietet - ausgerechnet die "Sünderin" wirkt ehrlicher und menschlicher als der Rest, der als manipulierbare (und damit gefährliche) Masse in Erscheinung tritt. Diese Rolle erfüllen (wieder einmal souverän) der Chor und der Extrachor des Badischen Staatstheaters (Einstudierung: Ulrich Wagner); für einen weiteren Farbtupfer in dieser beeindruckenden Aufführung sorgt zudem der Kinderchor (Dorothea Lehmann-Horsch):
Einstimmige Begeisterung für alle Darsteller und für die Regie - zu Recht!
(Fotos: Jochen Klenk)

(nächste Aufführung: Mittwoch, 07.04., 20 Uhr)





Die Hörbuchreihe zur klassischen Musik. Mit 150 Musikbeispielen von 70 Komponisten, vom Mittelalter bis zur Moderne.



zurück zur Hauptseite

zurück zu "Kritik"



Links zum Thema

Badisches Staatstheater

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum