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19.04.10
Im düsteren Gefängnis der Angst
Eröffnung der Europäischen Kulturtage mit Sándor Szokolays "Bluthochzeit"
Von Christine Gehringer

Ungarische Paprika, eingezwängt in einen Stacheldraht: Das ist das Motiv der Europäischen Kulturtage, die in diesem Jahr den Städten Budapest und Pécs gewidmet sind. "Wir wollen mit den gängigen Klischees brechen", so Achim Thorwald, Generalintendant des Badischen Staatstheaters, "und mit unseren Beiträgen vielmehr auf die heutige Realität Ungarns hinweisen - auch in der Beziehung zu Europa".
In der Tat ist der Stacheldraht dazu eine passende Chiffre - weist sie doch auf Ungarns welthistorische Rolle bei der Öffnung des Eisernen Vorhangs hin.
Und mit Klischees wurde beim Gastspiel der Ungarischen Staatsoper Budapest gewaltig gebrochen: Denn obwohl die Gäste am Eingang mit Geigen- und Gitarrenklängen (in ungarischer Tracht) begrüßt wurden - im Opernhaus des Badischen Staatstheaters war es dann vorbei mit Czardas und Operettenseligkeit.
Die "Bluthochzeit" von Sándor Szokolay (Uraufführung: 1964) ist eine düstere Geschichte - und gerne hätte man mehr über diese Oper (auf der Grundlage des Dramas von Federico Garcia Lorca) erfahren. Doch es mutete etwas seltsam an, dass dem ausführlichen ungarischen Progammheft-Text gerademal eine knappe deutsche Übersetzung der Handlung beigelegt war.
Mit düsteren, erbarmungslosen Schlägen beginnt die Musik. Sie lauert, sie fällt chromatisch ab, und in die nachtschwarze Szene ragen kahle Äste. Vorne eine hölzerne Rampe, die sich zur linken Seite hin wie eine Welle auftürmt. Es ist eine Wand, die alles begrenzt, und gleichzeitig eine Woge, die alle Beteiligten überrollt. Wann immer die Personen ausbrechen wollen aus ihrem Gefängnis es gelingt ihnen nicht, denn die Wand wirft sie zurück.
Dieses dunkle Drama ist durchzogen von Wunden aus der Vergangenheit. Es wird erschüttert von unerfüllten Sehnsüchten, von Ängsten, Hass und Eifersucht, die nicht überwunden werden können. Die Vergangenheit wird zum Gefängnis - vor allem für die "Mutter" der Handlung. In düsterer Vorahnung sinniert sie über die bevorstehende Hochzeit ihres Sohnes; Verlassensängste plagen sie, denn ihr Ehemann und ihr ältester Sohn wurden bereits ermordert - und nun erfährt sie, dass die Verwandtschaft des früheren Geliebten der Braut für die Familientragödie verantwortlich ist. Am Tag der Hochzeit erscheint dann schließlich der Geliebte Leonardo (er ist der Einzige, der in der Oper einen Namen trägt) - und beide entdecken erneut die Leidenschaft füreinander. Alles endet in der surrealen Welt des Waldes; es ist eine Traumwelt, in die sie sich flüchten, eine Traumwelt, die gleichzeitig den Tod bedeutet (verkörpert durch die Gestalt der Mutter): Leonardo und der verlassene Bräutigam treffen im Duell aufeinander, während die Braut als geächtete Witwe zurückbleibt.
Aus dem Orchestergraben (mit Peter Oberfrank am Pult des Ungarischen Staatsopernochesters) kommt packende Dramatik: Die Beklemmung der einzelnen Szenen hat Sándor Szokolay großartig in Klänge übersetzt. Entsprechend der Dramaturgie lässt auch die Musik keinerlei Öffnung zu; sie rotiert, sie klammert, und ganz wie die Personen scheint sie in begrenzten Motiven gefangen. Manchmal klingt sie statisch und seltsam unbeteiligt, etwa, wenn die Mutter ihre künftige Schwiegertochter fragt: "Freust du dich?" - und im nächsten Moment dann resümiert, dass die Ehe nichts anderes sei als "ein Mann, einige Kinder und eine dicke Mauer zwischen dir und den Menschen."
Aufgebrochen wird das Ganze durch Sprechgesänge, welche die Handlung ebenfalls zuspitzen (erschütternd: die ersterbende Stimme der Mutter über der Totenglocke in der Schluss-Szene). Manchmal zieht die Musik alle Beteiligten in einen Sog hinein und schäumt bedrohlich auf - eben dann, wenn die Figuren auf der Bühne sich von ihren zerstörerischen Emotionen überwältigen lassen.
Nur in wenigen Momenten hält die Musik kurz an, wird süßlich und säuselt, wenn (verklärte) Erinnerungen aufflammen, oder sie verliert sich in nebulösen Schleiern, wenn der Mond die Szenerie in fahles Licht taucht.
Aus dem Ensemble der Ungarischen Staatsoper ragte vor allem die Braut (Szilvia Rálik) mit ihrem stählernen, wandlungsfahigen Sopran hervor; daneben Leonardo (Attila Réti) mit einem kraftvoll-leidenschaftlichen Auftreten - und schließlich die Mutter (Annamária Kovács), die wie von einem Dämon besessen scheint, und deren Stimme eben diese seelischen Untiefen deutlich machen: Lauter Jubel im Opernhaus.
(Das Programm der Europäischen Kulturtage finden Sie unter neben stehendem Link).
(Fotos: Ungarische Staatsoper Budapest)


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