27.04.10
Gefährliche Leidenschaften
Janaceks "Tagebuch eines Verschollenen" und Bartoks "Herzog Blaubarts Burg" am Badischen Staatstheater

Von Christine Gehringer

Der Liederzyklus "Tagebuch eines Verschollenen" ist ein musikalisches Kleinod, und am Badischen Staatstheater war er nun - in Verbindung mit Bartoks Einakter "Herzog Blaubarts Burg" - in einer szenischen Aufführung von Achim Thorwald zu sehen.
Großartig war die musikalische Darbietung; stimmig die Regie: dementsprechend wurde der Opernabend vom Premierenpublikum bejubelt.

Leos Janacek, Tagebuch eines Verschollenen, Badisches Staatstheater
Eine Landschaft im Dämmerlicht, vorne ein junger Mann an seinem Schreibplatz, wo er in einem Tagebuch seine Begegnung mit einer Zigeunerin festhält: Er fühlt sich zu ihr hingezogen; dennoch es ist eine Leidenschaft, die er als bedrohlich empfindet. Eine Leidenschaft, die nicht sein darf und die er deshalb verdrängen möchte.

Im Mai 1916 entdeckt Leos Janacek in einer Brünner Zeitung eine Sammlung von Gedichten; sie stammen aus dem Tagebuch eines "Verschollenen", von einem Bauernburschen, der in einem ostmährischen Dorf auf mysteriöse Weise verschwand. Die Aufzeichnungen geben Aufschluss; sie enthüllen ein Drama, das Janacek wiederum zur Vertonung inspiriert: Denn in den Aufzeichnungen findet er sich selbst wieder - sich und die Empfindungen für seine junge Geliebte, die 25jährige Kamila Stösslova, die auch Protagonistin in Janaceks zweitem Streichquartett ("Intime Briefe") ist.

Der Zyklus "Tagebuch eines Verschollenen" gilt generell als einer der bedeutendsten Beträge zum Lied des 20. Jahrhunderts; bedauerlich ist es allerdings, dass Janaceks Werk auf deutschen Bühnen so selten zu hören und zu sehen ist.
Umso dankbarer wurde die Aufführung am Badischen Staatstheater angenommen - und sie war rundum packend: Bernhard Berchtold als Bauernbursche "Janicek" (die Namensähnlichkeit mit dem Komponisten weist auf die parallele Liebesgeschichte hin) steigert seine Atemlosigkeit bis hin zu großen Gefühls-Eruptionen; mit jedem Ton scheint sich ein Strick um seinen Hals zu legen, man spürt, wie sehr der Protagonist von seiner Leidenschaft in die Enge getrieben wird. Das alles äußert Berchtold mit einem stets schlanken, biegsamen Tenor. Nur in der äußersten Höhe hat man den Eindruck, er erreiche seine absoluten stimmlichen Grenzen.

Die Zigeunerin Zefka taucht auf der Bühne auf, als beobachte sie ihn; sie schwebt gewissermaßen als Schatten über der gesamten Szene (verdeutlicht durch überdimensionierte schwarze Konturen an der hinteren Wand).
Sabrina Kögel verkörpert die Figur großartig; eine geheimnisvolle, düstere Ausstrahlung geht von ihr aus, die Stimme ist strahlkräftig, samtig - und in der Tiefe recht füllig für einen Mezzosopran: So sieht man darüber hinweg, dass die "Zefka" eigentlich eine Alt-Partie ist. Die Handlung wird zudem begleitet von drei Frauen, den Freundinnen Zefkas (Özgecan Gencer, Esen Demirci, Evelyn Hauck) - deren Stimmen angenehm miteinander verschmelzen.
So kann Janaceks Musik ihren ganzen Zauber entfalten; in den mysteriösen Farbspielen des Klaviers, den Schattierungen, Umspielungen und Ausdeutungen, die Generalmusikdirektor Justin Brown (an diesem Abend Pianist und Dirigent) wunderbar klar und kompromisslos herausarbeitet - bis hin zum Spannungshöhepunkt, dem Klavier-Solo, in dem sich alle Emotionen zusammenballen: der Schilderung der Liebesszene


Bela Bartok, Herzog Blaubarts Burg, Badisches StaatstheaterDieser Spannungsbogen wird im zweiten Teil des Abends nahtlos aufgegriffen in "Herzog Blaubarts Burg" von Bela Bartok: Eine Metapher für ein Seelendrama, für die dunklen Abgründe des einsamen Herzogs Blaubart, der als Frauenmörder bekannt ist und bisher jede seiner Bräute getötet haben soll. Judith liebt den Herzog, und sie dringt in seine Seele vor, die symbolisch durch sieben Türen verschlossen ist. Das Öffnen der Türen ergibt die Dramaturgie des Werks: Hier kommen Messer, Ketten und Henkerbeile ans Tageslicht (bzw. werden als Lichtspiele an die Wand geworfen); dann erscheinen eine Schatzkammer, ein Tränensee und schließlich - hinter der siebten Tür - die Frauen des Herzogs. Der Rhythmus dieser Metaphorik verlangsamt sich gegen Ende; immer heftiger wehrt sich der Herzog dagegen, dass Judith an seiner Vergangenheit teilhaben möchte.
Diese Dramaturgie ist musikalisch als ein einziger Bogen konzipiert; der gesamte szenische Dialog entwickelt sich aus einer anfänglichen Keimzelle. Jede Tür hat eine eigene Klangfarbe, die von Justin Brown und der Badischen Staatskapelle zum Leuchten gebracht wird: Manchmal wälzt sich die Musik düster vorwärts, dann wiederum liegt ein helles Flimmern unter dem Spannungshöhepunkt. Judiths Schreckensschreie werden von giftigen, grellen Klängen begleitet - nur als sich die Tür zu den Schätzen öffnet, erstrahlt ein warmer Dur-Klang.
Auch hier lassen die Sänger keine Wünsche offen: Der Bariton von Stefan Stoll ist weich, rund und dennoch voll zugespitzter Dramatik, und der Sopran von Sabina Willeit klingt hell, stählern, üppig-satt - und scheint so mühelos dehnbar, dass die Sängerin auch im äußersten Fortissimo offensichtlich noch nicht die Grenzen ihrer körperlichen Kraft erreicht hat: Ein Abend voll mitreißender Raritäten!
(Fotos: Jochen Klenk)

(weitere Aufführungen: Freitag, 30.04. und Mittwoch, 05.05., jeweils 20 Uhr)


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