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13.05.10
Wie aus einer anderen Sphäre
Geigerin Midori und Charles Abramovic im Stephansaal Karlsruhe
Von Christine Gehringer
Das Beste zum Schluss - das galt in dieser Saison, trotz einiger vorläufiger Höhepunkte, auch für die Konzertreihe der Karlsruher Kammermusikfreunde. Denn mit der Geigerin Midori hatte man im fast ausverkauften Stephansaal nicht nur einen Weltstar zu Gast (obwohl das Wort "Star" bei dieser bescheidenen Künstlerin eher mit Vorsicht zu genießen ist), sondern die japanische Ausnahme-Musikerin und ihr fabelhafter Partner Charles Abramovic (Klavier) fanden zudem auch zu regelrechten Höhenflügen: Sie boten Musik wie aus einer anderen Sphäre, und der allzu oft strapazierte Begriff von der "atmosphärischen Dichte" hatte hier wirklich einmal seine uneingeschränkte Berechtigung.
Das Publikum reagierte anders als gewohnt; nicht nur mit atemloser Stille, sondern immer wieder auch mit bewunderndem Raunen zwischen den Sätzen - und manch einer mag ungläubig den Kopf geschüttelt haben über das, was sich aus der Keimzelle eines schmalen und hellen Tons im Laufe des Abends entwickelte.
In diesem Ton beginnen Midori und Abramovic Beethovens "Frühlingssonate" F-Dur op. 24: Eine fein gezogene Linie in der Violine, ein Ein- und Ausatmen - und dann ein ebenso runder, geschlossener Gedanke im Klavier; eine solche Bruchlosigkeit erlebt man selten.
In den Übergängen scheint die Zeit still zu stehen. Es ist, als söge Midori den Klang mit ihrem Atem in sich hinein, um ihn dann - begleitet von energischen Ausfall-Schritten - mit dem ganzen Körper wieder auszustoßen. Eben noch ausschweifende Melodien, dann plötzlich ein harter, schroffer Ton: Das ist das charakteristisch Unerlöste bei Beethoven.
Im zweiten Satz bringt Charles Abramovic das Klavier zum Singen; hier wird er von der Geige zunächst behutsam umspielt, die dann ihrerseits ausholt zur großen Linie: Ein auf den ersten Blick schlicht erzählter Bogen, doch er reicht weit, und er hat eine unglaubliche Energie: Das ist ganz große Kunst. Im Scherzo spingen die beiden davon wie junge Fohlen - solche Bilder drängen sich förmlich auf, denn jede Atmosphäre wird hier ins Extrem ausgekostet.
Die Musik in der anschließenden Sonate von Leos Janacek scheint sich immer zur Grenze hinzubewegen: Zur Grenze des Leidenschaftlich-Expressiven, dorthin, wo die Phrase manchmal schroff und überdreht scheint - und es wirkt, als steuerten die stillen Rückzüge dazwischen, die atemberaubenden, entrückten Sphären (vor allem des zweiten Satzes) immer auf ihren Gegenpol zu, der sich im Finale dann als düstere Resignation entpuppt. Diese aufgewühlte Atmosphäre wird danach erst einmal durch vier Etüden des zeitgenössischen finnischen Komponisten Aulis Salinnen befriedet. Wie kleine Miniaturbilder wirken sie, und auf engem Raum entfaltet sich kurz und bündig ein nebulöser, ein reflektierender oder feierlicher Ton, bis die beiden dann auf ihren letzten Gipfel hinsteuern: Die Sonate op. 18 von Richard Strauss drängt in sehnsüchtigen, kraftvollen Bögen nach vorne, doch sie durchlebt auch die nach innen gekehrten Momente. Hier wird behutsam entschleunigt: Ganz und gar versunken in ihre Gedanken wirkt Midori, die aus solchen Momenten Kraft zu schöpfen scheint für den nächsten großen Aufstieg.
Zwei Zugaben erklatscht das laut jubelnde Publikum, von Wieniawski und Kreisler (hier steuert Midori sogar noch den leichten Salon-Tonfall bei) - doch am liebsten hätten die Karlsruher diese große Künstlerin wohl überhaupt nicht mehr von der Bühne gelassen.
(Foto: Timothy Greenfield-Sanders)


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