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25.05.10
Nur Currentzis sorgt für große Momente
Zur "Carmen"-Produktion im Festspielhaus Baden-Baden
Von Christine Gehringer
Eine radikal entstaubte, von sämtlichen Klischees befreite "Carmen" - so war die Inszenierung von Philippe Arlaud im Festspielhaus Baden-Baden angekündigt. Umso überraschender, dass das ganz Revolutionäre ausblieb - und die Figur der Carmen eben doch zum männermordenden Rasseweib geriet.
Nur die musikalische Durchleuchtung des jungen Dirigenten Teodor Currentzis sorgte für ungewohnte Momente.
Sie räkelt sich beim Tanz, und sie spielt dabei genüsslich mit jeder Note. Und in solchen Momenten wird klar, wo die Stärken dieser Aufführung liegen: In den spannungsvoll gedehnten Tempi, in den lichten Farben, die zu Tage fördern, was man andernorts leicht überhört. Man glaubt, Carmen singe nur für sich - weil sie nicht anders kann, weil es zu ihrer Natur gehört, sowie die Bedeutung "Lied" zu ihrem Namen.
Es ist der feinen, differenzierten Spielkunst von Rinat Shaham zu verdanken, dass eben diese "Carmen" (die allein schon durch ihr Äußeres sämtlichen Klischees entspricht) am Ende doch noch Raum lässt für Zwischentöne, die Philippe Arlaud eigentlich als Charakterzüge vorgesehen hat: Er sieht Carmen als Freiheitskämpferin, als politische Aktivistin, und ihr Tanz soll nicht Männer verführen, sondern er ist Kunst, ist Ablenkung - und in ihren glutvollen Ausbrüchen wird klar, dass diese Frau ihre Freiheit bis aufs Blut verteidigen wird.
Die Inszenierung folgt diesem Bild in kurzen Andeutungen, die Arlaud immer wieder einstreut: In jenem Moment, als Carmen Don José eine Blume zuwirft (gewissermaßen das Leitmotiv der Oper), da wirkt dies wie ein brutaler Anschlag, und als ihr am Ende des ersten Aktes die Freiheit geschenkt wird, hält sie triumphierend ein Gewehr in den vom Feuer geröteten Himmel: Da ahnt man, dass mit dieser Frau nicht zu spaßen ist. Doch es bleibt bei diesen Anklängen, und irgendwie sind sie zu leise, um ein wirklich revolutionäres Bild abzugeben.
So reduziert sich die Raffinesse dieser Inszenierung vor allem auf einzelne Effekte: Bruchlos fließen die Szenen ineinander, wenn ein schwarzer Prospekt mit stilisiertem Torbogen (in Anlehnung an das maurische Südspanien) über die Bühne läuft und sich dahinter die Szene abrupt ändert - so, als würde mal eben mit einem Lappen darüber gewischt. Per Videodesign (screenpix) fällt zu Beginn ein Stier auf die Bühne.
Die Dialoge hat Arlaud neu geschrieben und an die literarische Vorlage von Prosper Mérimée angelehnt; er lässt die Stimmen verstärken und versieht sie mit Schleif- und Tropfgeräuschen, sodass die Szene beinahe ins Surreale gehoben wird.
Klar voneinander getrennt sind die Gegenwelten, die hier aufeinander prallen: Grau und statisch die durchorganisierte Welt der Soldaten (Kostüme: Andrea Uhmann), geradezu romantisch die Welt der Schmuggler: Hier leistet sich Arlaud eine zerklüftete, mondbeschienene Berg- und Kakteenlandschaft, begleitet von zirpenden Grillen und singenden Vögeln. An solchen Bildern, die keineswegs kitschig wirken, sondern sich nahtlos in die Nüchternheit und Stringenz dieser Bühnenästhetik einfügen, zeigt sich Arlauds Stärke - und diese liegt eher in der szenischen Ausstattung als in der Dramaturgie.
Die Mitglieder des Balthasar-Neumann-Chores flicht Arlaud fast unauffällig in die Szene ein - so, wie sich auch deren Stimmen hell und durchsichtig in den Gesamtklang einfügen, als seien sie Teil des Orchesters. Überhaupt herrscht, dank der historischen Umsetzung (mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble), eine Klarheit und Zuspitzung in der Musik, welche dem Konzept von Philippe Arlaud sehr ähnelt. Fast barock sind die dynamischen Gegensätze, der geschmeidige, gebündelte Klang. Doch erstmals agieren die beiden Klangkörper nicht unter Thomas Hengelbrock, sondern unter Teodor Currentzis: Der junge Dirigent und Komponist, sensationelle Entdeckung aus dem fernen Novosibirsk, durchleuchtet und durchlüftet die Partitur derart, dass man plötzlich alles hört: Durchgänge in den Mittelstimmen, Parallelen zwischen Sängern und Orchester, Gesangslinien, die in den Instrumenten weitergeführt werden (etwa in der "Blumenarie") - und manchmal ist der Klang so filigran, dass man beinahe fürchtet, das hauchzarte, kaum noch hörbare Pianissimo könne zerbrechen.
So zart schwebt auch Rinat Shahams Mezzosopran in der "Kartenarie", die zu den berührendsten Momenten der Aufführung gehört.
Doch ansonsten scheint das Festspielhaus zu groß für ihre Stimme; oft wird sie vom Orchester überdeckt, und auch die Registerverblendung gelingt ihr nicht bruchlos: Dramatisch wuchtet sie ihre Stimme in einen abrupten Brustklang, doch in der Mittellage wirkt sie dünn, und in der Höhe blüht
sie nicht richtig auf. All das gleicht sie jedoch aus durch eine ungeheure Spielleidenschaft.
Etwas Mühe hat zu Beginn auch Nikolai Schukoff als Don José, doch im Laufe des Abends wird sein Tenor brillanter und geschmeidiger, bis er dann gegen Ende der Oper zur Hochform aufläuft - vor allem in der Darstellung eines zerbrechlichen, getriebenen Mannes, der Carmen verfallen ist und dennoch ihrer Welt, die über jeder Ordnung steht, nicht folgen kann: Er wird zur tragischen Figur des Abends. An Michael Nagys edlem Escamillo gibt es nichts auszusetzen, und Marina Rebeka - deren weiße, perfekt sitzende Stimme fabelhaft zu Micaelas naiver Unschuld passt - überzeugt vor allem in der Arie "Je dit que rien m' épouvante". Davor schleichen sich allerdings manchmal Schärfen in ihren Gesang.
Jean-Marc Salzmann (Leutnant Zuniga), Roman Grübner (Moralès), dazu Michael Vier (Dancairo), James Elliot (Remendado), Katherina Müller (Frasquita) und Christina Daletska (Mercedes) runden das Sängerensemble ab.
So wird der Abend den hoch gesteckten Zielen im Einzelnen nicht ganz gerecht, und dennoch ist er wirkungsvoll in seiner Gesamtheit - ironischerweise wohl aber gerade weil viele der traditionellen Erwartungen erfüllt werden.
(Fotos: Andrea Kremper)
Weitere Aufführung: Mittwoch, 26.05. 20 Uhr


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