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01.06.10
Die ganze Welt als eindrucksvolle Collage
Jonathan Nott und die Bamberger Symphoniker begeistern mit Mahlers "Dritter"/ Hilliard Ensemble und Arditti Quartett später mit Nachtkonzert in der Stiftskirche Baden-Baden
Von Christine Gehringer
Die ganze Welt in 100 Minuten - das ist der Anspruch in Mahlers dritter Sinfonie. Mit einer plastischen Collagetechnik schichtet der Komponist farbiges, zugespitztes Material übereinander - und Jonathan Nott formt mit seinen Bamberger Symphonikern im Festspielhaus Baden-Baden ein Tongemälde, das durch kräftige Farben besticht, ohne allerdings den Betrachter (bzw. den Hörer) damit zu erdrücken.
Er dirigiert auswendig, und er steuert sein Orchester nicht nur souverän durch das sinfonische Riesengebirge, sondern er lenkt auch jedesmal be-
hutsam den Blick auf die Schönhei-
ten der Partitur, auf hart geschnittene Bilder, auf Vorahnungen und ruhig dahinfließende Melodien. Groß ist der Applaus für Jonathan Nott, dem Chefdirigenten der Bamberger Symphoniker, der hier schroffe Blöcke gegen schimmernde Linien setzt: Es sind grotesk verzerrte Militärmärsche in scharfen Dissonanzen, daneben Volkstänze und Vogelgezwitscher, die Mahler hier in raffinierten filmischen Überblendungen auseinander herauswachsen lässt. Erster Satz: Die dunklen Bläser klingen hart und unheilvoll, die Streicher fahren wütend auf, insbesondere die Celli, die förmlich vibrieren - und trotz aller Erregung ist es ein klarer, nüchterner, direkter Klang, den Nott hier sucht. Ein grelles Klarinettensolo lässt den Hörer aus dem Sitz hochfahren, später ist es eine scheppernde, überdrehte Jahrmarktsmusik, die in einen Sog aus umherflirrenden Klangteilen hineinzieht. Es scheint, als flöge einem hier der gesamte Satz um die Ohren.
Das anschließende zarte, schwärmerische Menuett ist der völlige Kontrast. Charme und Eleganz der "Belle Epoque" scheinen hier aufzuleben; Jonathan Nott zelebriert den Satz so sehr, dass unwillkürlich der Nostalgie-Effekt eintritt - so kunstvoll überzeichnet, so detailverliebt und verklärt wirkt die Szene.
Dann tritt eine neue Ebene hinzu. Die Luft schwelt, nachdem sich aus dem unscheinbaren Material zu Beginn, dem koboldhaften Flirren der Streicher, ein ganzes Unwetter zusammengeballt hat und diese Energie schließlich in Funken zerstäubt.
Da ruft aus der Ferne ein Posthorn, und alles wird still. Diese hier angedeutete Ruhe, diese Ebene, die aus Raum und Zeit herausgehoben ist - diese wird im Altsolo schließlich verdichtet: Perfekt verblendet Mihoko Fujimura ihren Part mit der zarten Einleitung in den tiefen, flüsternden Orchesterstimmen; ihr schlanker Alt schwebt über dem Fundament, und hat dennoch Gewicht: traumschwer, unwirklich, der Welt abhanden gekommen - schlicht: großartig.
Dann wieder ein Filmschnitt: Der nächste Satz ist durchweg hell, spielerisch, belebend; es sind kecke, fröhliche Überblendungen von Knabenstimmen, die ein Glockengeläut andeuten, und dem Frauenchor, der einen Text aus "Des Knaben Wunderhorn" singt (strahlkräftig und leichtfüßig hier die Chordamen der Bamberger Symphoniker). Danach fließt die Sinfonie nur noch in weihevoller Ruhe dahin. Längen hat angeblich dieser sechste und letzte Satz, bei Jonathan Nott ist davon nichts zu spüren. Er nimmt alles unter einen Bogen, alles wirkt zart und zerbrechlich, doch nochmals halten grelle Bläser dagegen und gemahnen an die mitreißende Gewalt des gesamten Werks - dann herrscht Friede, und im Festspielhaus erst einmal atemlose Stille, bevor ein Beifallssturm losbricht.
(Foto: Priska Ketterer)
Changierende Klangflächen
Wer nach Mahlers gewichtigem
Werk am späteren Abend noch den Weg in die Baden-Badener Stifts- kirche fand, der erlebte nur noch luzile, schwebende Klangflächen - nicht nur angesichts des in atmosphärisches Blau getauchten Altarraums: Hier widmeten sich das Hilliard Ensemble und das Arditti Quartett (Foto) der Requiem-Reflexion "ET LUX" für Vokal- und Streichquartett von Wolfgang Rihm: Das gut einstündige Werk kreist in einem einzigen musikalischen Fluss um Textfragmente der römischen Requiem-Liturgie.
Wie Erinnerungsstücke scheinen sie auf und verblassen wieder; vertraute Harmonien, Anklänge an Renaissance-Madrigale schimmern hier durch- und immer wieder drängt sich das ewige Licht, das "lux perpetua" auf. Das ganze Werk ist ein Sinnieren über die Vorstellung des ewigen Lichts, denn Wolfgang Rihm - so liest man im Programmheft - habe beim Arbeiten ständig darüber nachgedacht, was das denn eigentlich sei: Etwas Tröstendes, aber auch etwas Bedrängendes, weil es das menschliche Leben übersteigt. Unter anderem deshalb verzichtet Rihm auch auf das "Dies irae", auf die Darstellung des jüngsten Gerichts, weil eine solche Darstellung einer naiven Theologie auf der Grundlage eines allzu menschlichen Gottes entspringt.
Und so fließen die Stimmen des Arditti Quartetts und des Hilliard Ensembels kunstvoll ineinander; sie verschwimmen im Pastellton, sie leuchten, sie flackern und erschüttern, bisweilen hauchen die Steicher eisgraues Stegspiel in den Kirchenraum. Und dazwischen immer wieder dieses "lux perpetua": das Drehen und Wenden dieses Wortes und die Frage danach, was das denn nun bedeuten könne - all das kommt in den changierenden Klangflächen zum Ausdruck: Dieses Licht schimmert durchsichtig, es kommt wie ein sanfter Strahl, es schraubt sich nach oben - und doch brechen immer wieder unvermittelte Ängste und Erregungszustände in dieses Geschehen hinein. Am Ende bleibt ein überaus zarter Ton, der einfach im Raum verschwindet - und beim Hörer einen großen Nachklang hinterlässt.
(Foto: Philippe Gontier)


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