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02.06.10
Sterbensmüder Klagegesang
Teodor Currentzis gelang im Festspielhaus Baden-Baden eine weitere Sternstunde
Von Christine Gehringer
Was dieser Mann anfasst, klingt einfach unerhört. Schon in "Carmen" sorgte Teodor Currentzis am Pult des Balthasar-Neumann-Ensembles für Aufsehen, nun auch mit seinen "New Siberian Singers" und dem Ensemble "Musica Aeterna". In Purcells "Dido und Aeneas" (fabelhaft: Sopranistin Simone Kermes) und zuvor in Händels "Dixit Dominus" dürfte er für einen der Glanzpunkte bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden gesorgt haben.
Dieser Mann musiziert in Extremen, ein Nivellieren gibt es nicht. Ein Ton im Pianissimo ist bei Teodor Currentzis nahe am Ersterben, und dort, wo leidenschaftlich deklamiert wird, da spitzt er Chor- und Orchesterklang so akzentreich zu, dass es beinahe spröde klingt. Das mag man möglicherweise als Über-Artikulation empfinden - doch in erster Linie zwingt es zum Zuhören. Bei diesem Konzert sitzt man vorne auf der Stuhlkante, und zwar bis zum letzten Ton.
Der Abend beginnt mit Händels "Dixit Dominus", einer Vertonung des 110. Psalms ("Der Herr sprach zu meinem Herrn"). Die leichten, sprechenden Chorstimmen wirken hier, als wären sie Teil des Orchesters; pastellfarben legen sie sich über den Instrumentalklang und vermischen sich wunderbar mit den Streichern. Zu Beginn klaffen der schlanke Sopran von Deborah York und die anfangs etwas manieriert klingende Simone Kermes zwar noch auseinander, und beim ersten Altus-Einsatz (Oleg Ryabets) gibt es rhythmische Unsicherheiten. Doch diese Irritationen legen sich rasch. Denn fortan nimmt Simone Kermes ihr Vibrato aus der Stimme, und in "De torrente in via bibet" gelingt einer der ergreifendsten Momente des gesamten Werks: Was die beiden Soprane hier zaubern, ist nur die Ahnung von einem Ton. Er bleibt fahl, zum Zerreißen angespannt, und er verklingt in einem solch fragilen Klanggewebe, dass man als Zuhörer noch nicht einmal atmen möchte. Noch wenige Augenblicke zuvor ist in den Streichern das Fallbeil niedergegangen ("er wird zerschmettern ihre Häupter"): Kaum ein Ton, der nicht bildhafte Assoziationen wecken könnte.
Was derart vielversprechend beginnt, kann eigentlich nur zum einzigartigen Hörerlebnis werden, und vollkommen erfüllt es sich in Henry Purcells Oper "Dido und Aeneas" im abschließenden Klagegesang. Aeneas, der trojanische Prinz, folgt dem vermeintlichen Ruf der Götter und verlässt Königin Dido, seine Geliebte, die im Schmerz zurückbleibt.
Eine bildhaftere Darstellung dieses Schmerzes gibt es nicht. Surreal lässt Currentzis Klangflächen im Raum schweben; sie scheinen der diesseitigen Wirklichkeit bereits enthoben: Dido (Simone Kermes) wird darüber sterbensmüde ihr "when I am laid in earth" hauchen. Zuvor hat sich das Rezitativ-Cello wie ein Schatten über die Szene gesenkt, und das alles verklingt im wohl zartesten Pianissimo, das man im Festspielhaus in diesen Tagen gehört hat. Packend bringt daneben Dimitris Tiliakos (Bariton) als Aeneas seine innere Erregung und Zerrissenheit zum Ausdruck; souverän (wenn auch stimmlich bisweilen nicht ganz so tragfähig) runden die Solistinnen und Solisten der New Siberian Singers das musikalische Drama ab: Dieser junge Dirigent aus Novosibirsk, er ist zweifellos eine der größten musikalischen Entdeckungen unserer Tage.
(Foto: Andrea Kremper)
(Hinweis: Eine CD-Einspielung der Oper "Dido und Aeneas" ist in derselben Besetzung beim Label Alpha (Note1) erschienen.


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