06.07.10
Improvisationen, in Form gegossen
Thierry Escaich mit grandiosem Auftakt des Internationalen Orgelsommers

Von Christine Gehringer

Die Improvisation ist eine Kunst, die vor allem im Jazz und an der Orgel gepflegt wird - und der französische Organist und Komponist Thierry Escaich (Titular-Organist an der Kirche Saint-Etienne-du-Mont in Paris), zeigte zum Auftakt des Internationalen Orgelsommers an der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe, wie ausgefeilt diese Kunst sein kann.
Den Momentaufnahmen gibt er Struktur, seinen auskomponierten Werken hingegen erhält er die Frische der Spontaneität: Auf faszinierende Weise nähern sich beide Gattungen einander an, und während des Spiels weiß man tatsächlich nicht, was aus dem Moment heraus entwickelt und was schon vor Jahren niedergeschrieben wurde.

Selten hat man eine derart kühne Stegreif-Kunst erlebt. Thierry Escaich spielt an der Steinmeyer-Orgel nicht nur mit Überraschungsmomenten und mit bewusst dosierten Farbtupfern (fast möchte man sagen: mit Licht-Effekten) - nein, er zwingt seine Zuhörer konsequent in einen unerbittlichen Sog, in eine gezielte Dramatik hinein. Es gibt andere Improvisationskünstler, die zwar gekonnt mit dem Material spielen und es kaleidoskopartig neu zusammensetzen, aber Escaich lässt so gut wie keine Klangfarbe, keine Stimmung beiseite (das klischeehafte "Wechselbad der Gefühle" ist hier genau zutreffend). Und dennoch verliert er sich nicht darin, sondern er durchzieht sein gesamtes Spiel mit einer klaren Linie, mit einem logischen Spannungsbogen. Es ist eine stabile Form, eine Oberflächenspannung, die allerlei zusammenhält.

Eine improvisierte "Fantasie und Fuge" im romantischen Stil fasst die Eindrücke des Abends zusammen und beleuchtet sie, als wäre es eine Gebetsmeditation. Escaich hat seine Kunst am katholischen Gottesdienst geschärft: Improvisationen dienen hier nicht der künstlerischen Entfaltung, sondern sie reflektieren über liturgische Elemente und verbinden diese.
Ein Dialog aus wellenartig aufschäumenden Bewegungen und andächtiger Ruhe, danach die Verschmelzung beider Extreme (in César Francks Choral Nr. 3 a-moll), schließlich die düsteren, erregten Figuren im Präludium und der Fuge g-moll von Johannes Brahms, der strenge Cantus firmus in den Choralvorspielen op. 122 - all das verquickt Ecaich kunstvoll in seiner eigenen Musik, die er aus Chorälen und einem Motiv aus den Brahmsschen Zigeunerliedern entwickelt. Wuchtige, grelle Klangblöcke eröffnen das Drama - und dann bebt alles in auflodernden Figuren, in pochenden Rhythmen; zwischendurch blitzen schimmernde Register wie Lichtreflexe auf bewegtem Wasser. In der anschließenden Fuge wächst alles zu einem ruhigen und geschmeidigen Fluss zusammen.

Vielschichtige Strudel sind auch die "Litanies" des französischen Komponisten Jehan Alain; wiederum hat man hier das Gefühl, dass unter einer soliden Decke ein Vulkan lodert. Immer wieder breiten sich große Klangflächen aus; schimmernd, klirrend, metallisch.
Jehan Alain stammt aus einer Musikerfamilie; er ist der Bruder der legendären Marie-Claire Alain, einer der bekanntesten Organistinnen der Gegenwart. Man würde Jehan Alain heute möglicherweise in einem Atemzug mit Olivier Messiaen nennen (von dessen Tonsprache sein Werk unter anderem beeinflusst ist), wäre er nicht bereits 1940 im Krieg gefallen.
Thierry Escaich spielt außerdem die "Variations sur un thème de Clément Janequin" - und damit erinnert Alain an einen lange in Vergessenheit geratenen französischen Renaissance-Komponisten, dessen Werk unzählige Chansons umfasst. Auch dies gleicht einer Improvisation: Ein klar umrissenes Thema changiert zwischen verschiedenen harmonischen Färbungen; es wird getrübt, verfremdet, eingehüllt in begleitende Linien.

Die "trois poèmes pour orgue" von Thierry Escaich schaffen nochmals unterschiedliche Klangwelten auf engstem Raum: Zunächst ein ruhiger Fluss, darunter dunkle Stimmen, die langsam anschwellen. Danach der Kontrast: Kurz ausgestoßene Klangblöcke, pochend, insistierend, dumpf anrollend - und schließlich der letzte Satz, der kurzatmig auf ein abruptes Ende zustrebt: Bis dahin dürfte die Pulsfrequenz des Publikums deutlich angestiegen sein - derartige Gefühls-Extreme erlebt man selten während eines Orgelkonzerts.
Escaich beschwichtigt kurzerhand mit einer entsprechenden Zugabe: Es ist wiederum eine Improvisation, allerdings durch und durch in eine vollendete klassische Form gebracht.
Man registriert es mit Staunen.






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