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12.07.10
"Holiday on Ice" im kaiserlichen Wien
Premiere "Rosenkavalier" am Badischen Staatstheater Karlsruhe
Von Christine Gehringer
Auf verblüffende Art und Weise ähneln sich die meisten Aufführungen des "Rosenkavaliers": Meist findet man sich im unaufdringlichen, gefälligen Rokoko-Ambiente wieder, und diesen Bühnenraum gilt es dann hinsichtlich der Eckpunkte "Zeit und Vergänglichkeit" auszuloten.
Der Schweizer Regisseur Dominique Mentha, der die Strauss-Oper nun am Badischen Staatstheater inszenierte, sucht den Schlüssel zu dieser Lesart in Details und Symbolen. Hinter einer transparenten Wand (Bühne: Christian Floeren) lauern neugierige Blicke, sie lassen Grenzen zerfließen und signalisieren somit auch den zeitlichen Fluss, den stetigen Wandel.
Dem gesellschaftlichen Wandel steht zu Lebzeiten von Richard Strauss jedoch die erstarrte Wiener Gesellschaft entgegen. Eisfiguren (darunter auch der geigende Johann Strauß) säumen deshalb die Szenerie; das Werdenberg-Palais und das Palais Faninal scheinen eingefroren im Historismus und in einer alten Ordnung, die sich längst überlebt hat: Hier verschwimmen auch die Grenzen zwischen der Zeit der Entstehung und der tatsächlichen Handlung der Oper.
Darüber hinaus taugt schmelzendes Eis ebenso als Vanitas-Symbol.
Im Sissi-Kleid und mit Silbersternchen im Haar (Kostüme: Ute Frühling) betritt die junge Sophie die Bühne des gesellschaftlichen Parketts; erstens passt das zur Aura der jungen Kaiserin, und zweitens symbolisiert deren Ermordung gleichzeitig den morbiden Zustand der Donaumonarchie. Derweil hält die adlige und neuadlige Gesellschaft an ihrem Lebensstil fest: Partylaune ist angesagt; auf die Bühne rieselt Silberflitter, das Licht wird rosarot - wie bei einer "Holiday on Ice" - Show.
Am Ende des dritten Akts entledigt sich die Feldmarschallin ihrer üppigen Kleider, mitsamt der gepuderten Perücke - und macht der Maskerade ein Ende. Es ist möglicherweise auch ein Ausbruch aus ihrer Rolle an der Seite eines ungeliebten Mannes, der sich ohnehin lieber mit der Jagd beschäftigt als mit ihr. Das alles ist gut gedacht, doch bei derart vielen (Einzel-)Symbolen geht die Rechnung nicht auf. Ihre Wirkung verblasst, manches erschließt sich auch nicht sofort - und so bleibt hauptsächlich als Gesamteindruck: ansehnliche Kulisse (hin und wieder mit zuviel Kitsch überfrachtet), unauffällige Personenführung.
Wo es der Inszenierung an Zugkraft fehlt, schließen die Hauptdarsteller diese Lücke durch intensives Spiel: Christina Niessen ist eine menschliche, lebenserfahrene Feldmarschallin, die im reiferen Alter eine unerschrocken ehrliche Bilanz zieht. Wenn man so dahinlebe, sinniert sie, sei die Zeit rein gar nichts - aber auf einmal, da spüre man nichts als sie.
Zukunft und Vergangenheit (und damit eben auch Vergänglichkeit) liegen im Grunde dicht beieinander: "Das alles ist geheim", resümiert sie schließlich, und in diesem Moment kommt aus dem Orchestergraben ein schwebender, mysteriöser Klang, der tatsächlich alle räumlichen und zeitlichen Begrenzungen aufzuheben scheint.
Ansonsten spielt sich die Badische Staatskapelle unter ihrem Generalmusikdirektor Justin Brown zwar durchweg in einen opulenten Farbenrausch, doch man vermisst ein wenig die klare Handschrift, die konsequente Linie: Die neckischen Spielereien in der Ouvertüre (von Streichern und Bläsern) dürften etwas raffinierter sein, die komödienhaften Zuspitzungen deutlicher. Fabelhaft sind allerdings die weitläufigen Steigerungen des Schlussterzetts - hier hat im übrigen auch Christina Niessen einen ihrer besten Momente: Obertonreich ist ihr Sopran, die Höhe brillant, die Durchschlagskraft enorm.
Ein echter Gewinn innerhalb dieser Produktion sind die beiden Gäste. Nicht nur darstellerisch überzeugt beispielsweise Daniela Sindram (Octavian) als unerfahrener junger Liebhaber, der von seinen überschwänglichen Gefühlen hin- und hergerissen wird.
Die Mezzosopranistin, deren Timbre eher an einen dunkel gefärbten Sopran erinnert, überstrahlt darüberhinaus das gesamte Sängerensemble mit einer unglaublichen Leuchtkraft und Geschlossenheit in der Stimme.
Jürgen Linns Bariton (mit bemerkenswert satter Tiefe) klingt beinahe schon zu nobel und zu kultiviert für den Baron Ochs von Lerchenau; eigentlich erwartet man an dieser Stelle Derbheit und Grobschlächtigkeit. Die Figur bewegt sich jedoch genau unterhalb der Grenze zur Überzeichnung, und darin liegt Größe, denn Gleichgültigkeit und Arroganz machen sich erst ganz allmählich bemerkbar. Der Baron glaubt das "lerchenauische Glück" stets auf seiner Seite - egal, was er tut. Als sich dies im letzten Akt dann als Irrtum erweist, empfindet man als Zuschauer beinahe so etwas wie Schadenfreude.
Ina Schlingensiepen verkörpert glaubhaft die mädchenhafte Sophie - doch ihr schlanker, heller Sopran (der eigentlich perfekt zu dieser Rolle passt), kann sich gegen das Orchester stellenweise nicht richtig durchsetzen.
In den temporeichen Szenen des zweiten und dritten Aktes werden die Hauptdarsteller durch das übrige Ensemble überzeugend ergänzt: Edward Gauntt als Faninal, Anna Maria Dur und Andreas Heideker als Intrigenpärchen, Daniela Köhler als Leitmetzerin.
Beim Morgenempfang der Feldmarschallin hinterlässt Keith Ikaia-Purdy als Sänger allerdings einen eher fragwürdigen Eindruck.
Tadellos agiert hingegen der Chor (Ulrich Wagner), munter und keck die Kinder der Singschule "Cantus juvenum". Insgesamt eine gelungene Aufführung, die beim Premierenpublikum für große Begeisterung sorgt.
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg, Badisches Staatstheater Karlsruhe)
weitere Aufführung: Mittwoch, 21.07., 19 Uhr


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