18.07.10
Bunte Party-Gesellschaft, schwungvolle Komödie
Start der Sommerfestspiele Baden-Baden mit Rossinis "Il viaggio a Reims"


Schwere Kost bei schwüler Hitze ist nicht unbedingt vorteilhaft, und so gab es - ganz den Temperaturen entsprechend - zum Auftakt der Sommerfestspiele Leichtes und Spritziges auf der Bühne des Festspielhauses: Die komische Oper "Il viaggio a Reims" (Die Reise nach Reims) braucht nur wenige Zutaten für die ganz alltäglichen menschlichen Dramen und die dazu passenden Arien, dargeboten vom Ensemble des Mariinsky-Theaters unter den bewährten Händen von Valery Gergiev.

Ill viaggio a Reims, Festspielhaus Baden-BadenEine Szene, wie sie treffender nicht sein könnte: Das Hotelpersonal
fährt nochmal schnell mit dem Staubsauger über die Bühne, während die letzten Festspielgäste in sommerlicher Abendgarderobe nach ihren Plätzen suchen. Derweil kommen - in Reisekleidung - die ersten Akteure, und zwar ebenfalls durch die Saaltüre: Gemurmel und Gelächter im Festspielhaus; in diese kurzweilige Dramaturgie (die sich ausnahmsweise nicht an einer Handlung, sondern an einzelnen Szenen und Charakter-Typen entfaltet), wird das Publikum gleich mit eingebunden.
Über einen langen Steg schreitet die reisefreudige Gesellschaft, die sich im Pariser Hotel "Zur Goldenen Lilie" einquartieren wird (zuletzt kommt auch der Dirigent des Abends, Valery Gergiev, in Hut und Mantel), und dieser Steg entpuppt sich später als Laufsteg der Eitelkeiten: Hier gibt man sich unter anderem den kunstvollen Koloraturen hin, hier träumt, klagt und sinniert man.

Rossini schuf seine Oper "Il viaggio a Reims", nachdem er in Paris die künstlerische Leitung des "Theatre-Italiens" übernommen hatte - eine renommierte Spielstätte, welche die italienische Opernkultur in Originalsprache pflegte und außerdem damit beauftragt wurde, die Festoper zur Krönung des französischen Königs Charles X. (traditionell in Reims) herauszubringen.
Anlässlich dieses historischen Ereignisses findet sich auch in der Oper eine bunte, internationale Gesellschaft zusammen: Eine modeverrückte französische Gräfin, ein russischer General mit cholerischem Temperament, ein stolzer Spanier, eine schöne Polin, ein zurückhaltender Engländer, ein deutscher Musikliebhaber und zwei Italiener, die den schönen Künsten zugewandt sind: Das Libretto spielt mit (zum Teil heute noch gängigen) Klischees, dazu mit den politischen Verhältnissen des damaligen Europa und der damit verbundenen Vision von Frieden und Freiheit; es spielt mit Erscheinungen des Zeitgeistes (beispielsweise mit einem umfassenden Modebewusstsein und der Entdeckung des Reisens als Lebensgefühl).

Festspielhaus Baden-Baden, Il viaggio a ReimsMit dem Motiv der "Menschen im Hotel" (nicht erst seit dem Roman von Vicky Baum ein populäres Motiv) wird der Grundstein für eine rasante Komödie gelegt; ein übergeordnetes Drama ist nicht mehr nötig, denn die Eigenarten
der Hotelgäste sind Drama genug. Untröstlich scheint beispielsweise die Gräfin (übrigens eine Anspie-
lung auf eine damals stadtbekannte Salondame), als sie erfährt, dass bei einem Kutschen-Unfall ihre gesamte Garderobe beschädigt wurde - umso freudiger ist die Überraschung darüber, dass wenigstens ein Hütchen völlig intakt aus dem Chaos geborgen wird: Solche Banalitäten genügen Rossini, um sein Ideal des Belcanto an Gefühlen wie Trauer und Euphorie zum Ausdruck zu bringen.
Die schöne Polin Melibea zieht Don Profondo, einen Antiquitätensammler, und den Spanier Don Alvaro in ihren Bann; das wiederum lässt den russischen General Libenskof vor Eifersucht rasen. (An dieser Stelle hat auch Pferd "Abu" seinen großen Auftritt; der Araberhengst wurde an einer Filmtierschule in Minfeld bei Landau trainiert).
Der schüchterne Lord Sidney hat sich heimlich in die schöne römische Dichterin Corinna verliebt (sie erscheint im üppigen Leuchtkleid); auch ihr Landsmann Belfiore ist nicht abgeneigt, geht aber eher hemdsärmelig zu Werke.
All die Nöte und privaten Eitelkeiten der Gäste werden schlagartig zur Nebensache, als bekannt wird, dass die Reise zu den Krönungsfeierlichkeiten leider ausfallen muss, da nicht mehr genügend Pferde verfügbar sind. Aber was macht das schon? Dann feiert man sich eben selbst, und so sind (auch nach der WM) nochmals Hymnen wie das Deutschlandlied (damals noch Kaiserhymne) oder "God save the King" zu hören; buchstäblich krönender Abschluss ist ein kunstvoller Stegreifgesang der Dichterin auf den neuen König.

Festspielhaus Baden-Baden, Il viaggio a ReimsDer französische Schauspieler und Regisseur Alain Maratrat, der bereits mehrfach mit dem Mariins-
ky-Theater zusammarbeitete, schuf für Rossinis "dramma giocoso" temporeiche, leicht hingeworfene Szenen: Gerade weil das Stück handlungsarm ist, kommt es auf kleinste Details an, die für Bewegung und Überraschungseffekte sorgen. Die Sänger spazieren hin und wieder durch die Zuschauerränge, auch
die Kleiderbox der Gräfin wird unter Gelächter über die ersten fünf Reihen nach vorne auf die Bühne gehievt.
Unterdessen verzichtete man auf
ein aufwändiges Bühnenbild; der Raum wird lediglich begrenzt durch eine weitläufige Treppe: Es sind die Akteure selbst, die hier zur Kulisse werden. Und so sitzt, in weiß gekleidet, das Orchester des Mariinksy-Theaters hinten auf der Bühne - von Valery Gergiev ebenso leichthändig und eloquent durch die Partitur geführt.
Ein Leistungsgefälle zeigen die Sänger; nicht alles ist festspielwürdig und wird glücklicherweise durch die bewegte Dramaturgie überdeckt. Etwas zu klein für das große Haus ist beispielsweise der Tenor von Daniil Shtoda (Graf Libenskof); der Sänger hat außerdem erhebliche Probleme in der Höhe und wirkt in der Eifersuchtsszene eher blass. Tadellos dagegen Ilya Bannik als deutscher Baron von Trombonok: Sein Bass hat Schlagkraft, klingt rund und souverän.

Obertonreich und geschmeidig sind fast durchweg die Stimmen der weiblichen Ensemble-Mitglieder: Anastasia Kalagina als charmante Hotelbesitzerin Madame Cortese, Larisa Yudina als überdrehte Gräfin von Folleville und Irma Gigolaty als Corinna; nur Anna Kiknadzes Stimme (Marquise Melibea) fehlt es ein wenig an Glanz.
Die anderen Akteure vervollständigen dieses insgesamt recht vergnügliche Bild - darunter auch der bestens disponierte Chor mit jungen Sängerinnen und Sängern aus der Akademie des Mariinsky-Theaters, und den Solo-Instrumentalisten, die das Geschehen auf der Bühne begleiten: Oxana Isaeva (Cembalo), Sofia Kiprskaya (Harfe) und Maria Arsenieva (Flöte).
Baden-Badens Sommergäste amüsierten sich prächtig.
(Fotos: Natascha Razina, oben und Mitte, Andrea Kremper, unten)





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