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29.07.10
Mit Demut und Brillanz
Anna Netrebko singt Pergolesi in Baden-Baden
Von Christine Gehringer
Auf ungewohntes Terrain begab sich Anna Netrebko bei der Gala im Festspielhaus Baden-Baden: Mit einer Kantate von Giovanni Battista Pergolesi, dazu dessen wohl bekanntestem Werk, dem "Stabat Mater", wagte die Star-Sopranistin einen Exkurs ins barocke Fach.
Anna Netrebko sorgt im Festspielhaus Baden-Baden regelmäßig für volle Ränge. So war es eine kluge Idee, mit ihr gemeinsam eines Komponisten zu gedenken, der vor 300 Jahren geboren wurde und dessen Verdienste um die italienische Musik trotz seines kurzen Lebens bemerkenswert sind: Giovanni Battista Pergolesi.
Hätten Barock-Spezialisten an dieser Stelle gestanden, so hätte dieses ebenfalls sehr spezielle Programm möglicherweise nur einen kleineren Hörerkreis angesprochen.
So aber bekam das große Gala-Publikum - von Anna Netrebko bei derartigen Anlässen eher Opern-Häppchen gewohnt - einen ganzen Abend lang eine Ahnung davon, was aus Pergolesi hätte werden können, wäre er nicht im Alter von nur 26 Jahren bereits gestorben.
Pergolesis musikalische Feder schärft sich unter anderem an der italienischen Oper, in Neapel, dem damaligen Zentrum dieser Gattung. Mit 23 Jahren gelingt ihm ein Geniestreich: Zu jener Zeit ist es üblich, mit launigen Intermezzi zwischen den Opern-Akten das Publikum aufzuheitern, und Pergolesis Zwischenspiel "La serva padrona" gerät derart spritzig, dass es gar den Grundstein legt für die Gattung "Opera buffa". Von Pergolesi ist heute jedoch kaum mehr bekannt als sein "Stabat Mater", die Marienklage, die traditionell in der Karwoche aufgeführt wurde.
Anna Netrebko zur Seite stand die italienische Altistin Marianna Pizzolato, die im barocken Fach eher zu Hause ist und dabei unter anderem mit William Christie und "Les Arts Florissants" zusammenarbeitete - und als musikalischer Partner der beiden Sängerinnen war mit dem Orchester der "Accademia Nazionale di Santa Cecilia" gar das älteste Sinfonieorchester Italiens zu erleben, unter der Leitung von Antonio Pappano, der in gleicher Funktion auch in London an der Königlichen Oper in Covent Garden agiert.
Hat man Interpretationen wie beispielsweise die von Barbara Bonney mit Andreas Scholl und "Les Talens Lyriques" im Ohr, so klingt manches in Pergolesis "Stabat Mater" an diesem Abend zunächst gewöhnungsbedürftig: kein Abphrasieren, kein Non-Vibrato - und dennoch hat diese Aufführung eine besondere Qualität. Sanft schweben zu Beginn des ersten Duetts die Streicher ein, führen zart auf die anrührende Klage hin, in deren lyrischem Fluss Sopran und Alt elegant verschmelzen. Hier zeigen sich wiederum Netrebkos Ensemble-Qualitäten: Sie fügt sich in den Klang, nimmt sich zurück; sie singt schlank, fokussiert, und vor allem: Ihre satte Mittellage und ihre helle, brillante Höhe (die bis ins Fortissimo dehnbar scheint) kommen ihrer gestalterischen Kraft sehr zu Gute. Sie überhöht das "Sancta Mater" mit einem überirdisch reinen Ton; das Bild vom sterbenden Christus hingegen zeichnet sie lautmalerisch mit einer Beklommenheit, die unter die Haut geht. Überhaupt ist es dieser bildhafte Ausdruck, der generell immer wieder hervorsticht: Die Figuren des Orchesters zu Beginn der Alt-Arie "Fac ut portem" klingen wie das Einschlagen der Nägel ins Holz des Kreuzes, bevor Marianna Pizzolato einen innig-sanften Gesang darüber legt.
In den Kantaten können beide Sängerinnen dann ihre dramatischen Qualitäten ausspielen: Anna Netrebko in der Orpheus-Klage ("Nel chiuso centro") mit sparsamem Vibrato und einem wohl dosierten, vollkommen natürlichen Ausdruck; Marianna Pizzolato ebenfalls schlank, aber dennoch kraftvoll und üppig - manchmal jedoch auch mit zuviel Kraft und in der Schlussarie der Kantate "Questo è piano, e questo è il rio" dann auch mit gelegentlichen Schärfen.
Es war ein Programm, dem es zwar insgesamt an jener Zuspitzung und Differenzierung fehlte, die man sonst von Spezialisten dieses Repertoires gewohnt ist. Doch die Akteure des Abends gaben Pergolesis Musik ein ganz eigenes Gesicht.
(Fotos: Andrea Kremper)
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