20.10.10
Zwischen Hoffen, Bitten, Sehnsucht und Übermut
Ettlinger Schubertiade mit dem "Spanischen Liederbuch" von Hugo Wolf

Von Christine Gehringer

Zwischen b-moll-Sonate, Davidsbündlern und sinfonischen Riesengebirgen vergisst man leicht, dass es in diesem Jahr außer Chopin, Schumann und Mahler auch noch einen anderen Jubilar gibt: Vor 150 Jahren wurde in Windisch-Grätz (Südsteiermark) Hugo Wolf geboren, einer der bedeutendsten Lied-Komponisten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Ettlinger Schubertiade mit Thomas Seyboldt (links), Heidrun Kordes und Lothar OdiniusSelten zu hören ist sein "Spanisches Liederbuch", und so wurde den Besuchern im Ettlinger Schloss ein Kleinod zuteil - noch dazu in einer ausgesprochen gelungenen Darbietung: Heidrun Kordes (Sopran), Lothar Odinius (Tenor) und Thomas Seyboldt (Klavier) schufen Atmosphäre und Tiefgründigkeit auf eine ganz selbstverständliche, natürliche Art und Weise: Eher zurückhaltend und nachdenklich, die Stingstimmen im bruchlosen Legato und in ausgewogener Farbbalance - und dann ist es plötzlich eine winzige Abstufung, ein Ausbruch, eine kleine Nuance, und eine völlig andere Welt tut sich auf.

Zehn geistliche Gesänge stehen am Anfang dieses gewaltigen, 44 Lieder umfassenden Werks - einer Sammlung von Volksliedern, die von Paul Heyse und Emanuel Geibel ins Deutsche übersetzt wurden.
Es sind ernste, ja zum Teil ergreifende Gesänge, welche die strenge spanische Frömmigkeit einfangen. Ganz nebenbei weist Thomas Seyboldt darauf hin, dass gerade der Asamsaal dafür der richtige Ort ist: Das Deckengemälde erinnert an die einstige Funktion des Raums, nämlich an die Kapelle im Schloss der (ebenfalls streng katholischen) Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden.

Zunächst umreißt Lothar Odinius eine Szenerie zwischen den Gegenpolen Leid und Hoffnung, zwischen innigem Bitten, und (trotz allem Hin- und Hergerissen-Sein) einer klaren Festigkeit. Das alles bietet seine Stimme an Gestaltungskraft auf, während Odinius immer in derselben runden Tongebung bleibt, mal kraftvoll (aber nicht mit zuviel Kraft), mal zart - gerade da, wo die Stimme noch anspricht.
Heidrun Kordes steht ihm in nichts nach. Nie verliert sie ihren hellen, obertonreichen Klang, dem sie jederzeit beliebige Farbsubstanzen hinzufügen kann. Silbrig schimmert der Gesang Marias ("Die ihr schwebet"), durchsichtig und gläsern beschließt sie "Ach, des Knaben Augen", und eine fühlbare Schwere liegt über "Mühevoll komm ich und beladen". Daneben verfügt Heidrun Kordes über großartige Legato-Qualitäten und Kraftreserven; auch nach langen, dramatischen Strecken scheint ihre Stimme noch so geschmeidig, dass der Wechsel ins fragile Piano mühelos gelingt.

Dann eine völlig andere Szenerie: Die weltlichen Lieder sind ein Farbenreigen rund um Liebe, Lust, Sehnsucht, Überschwang. Großartig gelingt das schwärmerische "Auf dem grünen Balkon mein Mädchen"; es ist eine verhalten geäußerte, aber dennoch brodelnde Freude, und das "Nein" (des Mädchens) gegen Ende wird so ahnungsvoll ausgesprochen und ebenso bedeutungsvoll vom Klavier abgefangen, dass man genau spürt: Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Überhaupt ist bei Hugo Wolf das Klavier völlig eigenständig; es drückt aus, was die Singstimme nicht sagt und vervollständigt somit das Bild. Thomas Seyboldt füllt diesen Raum sehr sorgsam aus; er spitzt hier und da eine Szene noch zu, kommentiert auf den Punkt - während die beiden Sänger ihren Schwärmereien und Eifersüchteleien zum Teil auch spielerisch Ausdruck geben und damit noch zusätzlich für Kurzweil sorgen.
Für den langen Applaus bedanken sich die drei mit einer sinnig gewählten Zugabe: Einige der Gedichte hat auch der Jubilar Robert Schumann in seinem "Spanischen Liederspiel" vertont, eines davon lässt sich in dieser Besetzung singen: "Alle gingen, Herz, zur Ruh" ist ein ergreifend schönes Duett zwischen Sopran und Tenor und damit ein würdiger Abschluss für diesen Abend.
(Foto: Schubertiade)



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