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10.12.10
Kraftvoll-derbe Szenen
Hommage an Moritz Eggert bei der Liederwende in Ettlingen
Von Christine Gehringer
Liedmarathon bei der Liederwende 2010 im Rahmen der Schubertiade im Ettlinger Schloss: Zwei Konzerte waren dem Werk des Komponisten und Pianisten Moritz Eggert gewidmet, beim zweiten reichten drei Stunden nicht aus, um einen Eindruck von Eggerts Vertonungen (schräg, witzig, durchgeknallt, lautmalerisch, balladesk) in einer gewissen Geschlossenheit wiederzugeben - bereichert unter anderem durch Musik von Wilhelm Killmayer.
Der Abend beginnt mit einer Gegenüberstellung von Eggert-Vertonungen (Bariton: Hans Christoph Begemann) und Schumanns Dichterliebe. Und weil das auf den Hörer zwangsläufig so wirkt, als würde man die Einzelteile eines Mosaiks völlig neu zusammen setzen, wird der Schumann-Zyklus auch gleich von einer Frau gesungen.
Das alles war ein Experiment, das darauf abzielte, Vertrautes aus der gewohnten Umgebung zu reißen - um zu sehen, was dann mit den Stücken passiert. Beispielsweise, wenn romantische Verehrung (gesungen mit taufrischem, hellem Sopran) auf hemmungslose Direktheit trifft, wenn von "Schamhügelersteigung" und "horizontaler Gegenwart" die Rede ist.
Oder wenn neben dem innig-erregten "Ich will meine Seele tauchen" plötzlich Zeilen wie "Überlegs dir gut ob du mich haben willst an deinem Hals" als spröde Liebeserklärung ausgestoßen werden. Moritz Eggert vertonte hierbei Gedichte von unter anderem Franz Xaver Kroetz, Helmut Krausser, Ulla Hahn und Ursula Krechel ("Neue Dichter lieben") - und zeigt dabei klangmalerisches Geschick. Klaus Hensels "Luft" beginnt mit der Zeile "Es ist, als drückte mich etwas mit aller Kraft unter Wasser" - hier kann man die dunklen, schweren Wassermassen förmlich sehen - und endet mit den Worten: "Luft - jetzt bist du Luft". Und dabei bearbeitet Eggert, der im Wechsel mit Thomas Seyboldt am Klavier begleitet, emsig die Saiten: Da löst sich der dumpfe Bassnebel dann auf in einem ätherisch-metallischen Klang.
Überhaupt spielt Moritz Eggert gerne mit Effekten, er haucht und hechelt, immer im Dialog mit den Sängern; alles, was eine Szene plakativ und drastisch macht, wird als Mittel herangezogen - so etwa ein Metronom als pochende Uhr, oder stumme Transparente, die einfach nur hochgehalten werden, wenn im Text von "Schweigen" die Rede ist (mit trockenem Humor in diesen Szenen: Der Tenor Bernhard Gärtner).
Und dann kommen wiederum ganz schlichte Vertonungen, die zeigen, dass musikalische Mittel im Grunde völlig ausreichend sind: etwa in der "Krausseriana", wo der tigernde Tiger schleichend, in Lauerstellung, mit all seinen Muskelbewegungen nachgezeichnet wird.
Killmayers Kinderlieder bilden zu diesem Abschnitt das Kontrastprogramm. Mit völlig reduzierten Mitteln wird alles ausgesagt: Wann hört man schon einfache Reihungen von Terzen, Quarten, Quinten (und Skalen, die sich hauptsächlich in diesen Tonräumen bewegen) so treffend, so witzig und ganz und gar nicht banal?
Einer der Höhepunkte zu vorgerückter Stunde ist schließlich die "heiße Nacht bei Brabinski", eine Etablissement-Ballade, diesmal mit Killmayer als genialem Wortschöpfer, vertont von Moritz Eggert - und herrlich hintergründig-derb gesungen von Hans Christoph Begemann.
Wer bis dahin durchgehalten hatte, wurde nun mit ein wenig Musik-Kabarett (Moritz Eggert sang diese Lieder selbst) belohnt: Mit Chansons à la Kurt Weill - etwa das "Lied vom goldenen Handwerk", das an die Moritat von Mackie Messer angelehnt ist, oder die "Sperrstund", die ein wenig nach kitschiger Musical-Ballade klingt.
Oder mit den Segnungen der Technik und ihren Auswirkungen auf die moderne Kommunikation - und einem darstellerischen Glanzlicht von Felicitas Fuchs, die aus den Worten Facebook, Myspace und StudiVZ eine urkomische Szene macht.
Dass dieser Abend so rundum witzig und kraftvoll wird, ist den Akteuren zu verdanken, die nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch alles aus diesen Vertonungen herausholen.
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