23.08.11
Die Musik zwischen den Tönen
Fabian Gehring und Youn-Seong Shim mit Klavier- und Liederabend bei der Schubertiade Ettlingen

Von Christine Gehringer

Fabian GehringIm Herbst beginnt der junge Fabian Gehring in Hamburg gerade mal erst sein Klavierstudium - doch die Biographie des 20jährigen liest sich, als arbeite er bereits seit Jahren im Musikbetrieb. Preise bei Internationalen Wettbewerben, Auslandsauftritte, Meisterkurse unter anderem bei Karl-Heinz Kämmerling, Bernd Glemser und Tabea Zimmermann (im Bereich Kammermusik): Das sind die Referenzen des jungen Künstlers, der zuletzt als Vorstudent bei Olga Rissin-Morenova in Karlsruhe seine Ausbildung verfolgte.
Doch damit noch nicht genug. Bis 2004 sang er bei den "Aurelius Sängerknaben Calw", und möglicherweise ist es gerade eine solche Erfahrung, die das Zusammenwirken zwischen Sänger und Pianist im Rahmen von Liederabenden verfeinern könnte.

Jedenfalls waren es die Lieder von Schubert und Liszt, die bei der der Schubertiade Rittersaal des Ettlinger Schlosses für ein echtes Glanzlicht sorgten - was selbstverständlich in erster Linie auch an dem jungen Tenor Youn-Seong Shim lag, der in Stuttgart studiert und demnächst ein Engagement in Münster antritt.

Der Koreaner artikuliert nicht nur ausgesprochen deutlich, sondern er spürt jeder Note, jeder Phrase so gründlich nach, dass es eine wahre Freude ist. Hier hat jedes einzelne Wort seine Bedeutung, hier ist jemand auf der Suche nach der Musik, die zwischen den Tönen steckt - ansonsten eher ungewöhnlich für einen jungen Künstler.
Bereits in den Schubert-Liedern aus der "Schönen Müllerin" zeigt er seine reiche Palette: kräftig und stählern ("Am Feierabend"), weich und geschmeidig ("Mein!"), zart und nach innen gerichtet, eine echte Zwiesprache ("Der Müller und der Bach").
Liszts Lieder nach den Gedichten von Heinrich Heine lassen besonders aufhorchen, ja, sie gehen noch darüber hinaus: Mehr als nur zart und innig singt Youn-Seong Shim "Du bist wie eine Blume"; hier zeigt er außerdem, zu welcher Lyrik seine Stimme fähig ist: Das Lied ist fast regungslos, bleibt ganz in sich versunken - aber dem Sänger gelingt hier ein eindrucksvoller Spannungszug, eine wunderbare Verblendung zwischen den Phrasen.
Sein Farbenspektrum lässt ebenfalls keine Wünsche offen. Brillant öffnet sich seine Stimme beim "Abendsonnenschein" in Liszts "Loreley", später hört man die schroffen Felsenriffe, schließlich folgt ein dramatischer Ausbruch, der zeigt: Der Tenor kann an Kraft immer noch zulegen, wenn es nötig ist - ohne dabei zu fest oder zu verkrampft zu singen.

Und Fabian Gehring? Er sucht stets den Austausch mit dem Sänger, er grundiert mit zarten Wellenbewegungen ("Im Rhein, im schönen Strome"), er stellt die eröffnenden Takte als Frage in den Raum ("Du bist wie eine Blume"), begibt sich mitten hinein in den Dialog.
Doch auch als Solist überzeugt er. Schon die Anfangstakte in Beethovens Sonate Es-Dur op. 81 ("Les Adieux") machen es deutlich: Hier sucht jemand nach der klaren, festen Linie, hier hat jeder Ton (und darin ähnelt er seinem Sänger-Kollegen) ein eigenes Gewicht. Leicht und behutsam werden die Phrasen abgeschwungen, alles behält seinen obertonreichen Klang. Doch Fabian Gehring schwelgt nicht auf eine unangemessene Art - sondern er bleibt achtsam, nüchtern, spielt mit Bedacht.
Nur manchmal, gerade in den rascheren Sätzen, geht dies zu Lasten der Vorwärtsbewegung. Hier fehlt gelegentlich der letzte Drang, manchmal auch die Agogik - auch beispielsweise in der vierten Ballade (op. 10) von Brahms, wo man sich etwas mehr Bewegung wünscht.

Doch ansonsten gestaltet er eindrucksvoll. Auf der ersten dieser Brahms-Balladen - nach einem Vatermord aus der "Edward"-Erzählung in Herders "Stimmen der Völker" - lastet bedrückende Schwere. Fließende Ruhe verströmt hingegen zunächst die zweite Ballade, bevor sie von dunklen Ausbrüchen aufgeschreckt wird, die bis zum Ende in einem unterschwelligen Grollen nachklingen.
In der D-Dur-Prélude von Rachmaninow (op. 23) beeindruckt vor allem der klare Umgang mit der Hauptlinie und den zarten Umspielungen - hier bahnt sich der Klavier-Gesang ruhig und sicher seinen Weg durch die leichten Wellen der Barkarolen-Rhythmen. Lediglich könnte man anmerken, dass dem Stück die allerletzte Sehnsucht fehlt - jenes Moment, das über sich hinausweist.

Die Liszt-Transkriptionen der Lieder von Franz Schubert (unter anderem auch aus der "Schönen Müllerin") wirken wie ein Nachlauschen, eine Verinnerlichung dessen, was man zuvor als Gesang gehört hatte.
Ein bemerkenswerter Abend.
(Foto: PR)



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