25.11.08
Musik als Überzeugungsrede
Das Hagen-Quartett mit beeindruckender Konzert-Matinee im Festspielhaus


Wenn sich Musiker zur historischen oder zumindest historisch informierten Aufführungspraxis äußern, so fällt meist der von Nikolaus Harnoncourt geprägte Begriff der „Klangrede“. Auch das Hagen Quartett, weltweit eines der führenden Streichquartette, wurde nach seiner großartigen Konzertmatinee im Festspielhaus beim anschließenden Künstlergespräch danach befragt – und in der Tat ist dies eines der ersten Stichworte, die einem als Zuhörer einfallen können, wenn man dem Spiel der vier Musiker lauscht: Sobald sich Lukas, Veronika und Clemens Hagen mit Rainer Schmidt zum Gespräch unter „vier vernünftigen Leuten“ treffen (um jenes reichlich strapazierte Goethe-Zitat zu bedienen), dann werden aus Tönen rhetorische Gesten: Das erklärt, weshalb ihre Musik so unglaublich spannend klingt, so farbig und lebendig, so persönlich.

Hagen QuartettDeutlich wird dies bereits nach wenigen Takten des Es-Dur-Quartetts op. 76, 6 von Joseph Haydn, dessen Werke als Inbegriff jener Rhetorik-Kunst gelten: Das kurze, prägnante Thema wird mit Nachdruck angefasst, dann in einer weichen, zurückgenommenen Geste reflektiert, schließlich genussvoll ausgekostet. Daraus entwickelt sich ein flüssiges, tiefgründiges Gespräch; jeder wählt seine Worte mit Bedacht, setzt sie genau im richtigen Moment – und selbst dann, wenn man in eine leidenschaftliche Diskussion hineingerät, ordnet man sich stets einem gemeinsamen Ziel unter.
Man könnte dieses Bild beliebig fortführen. Was diese vier Musiker während des Spiels erschaffen, geht weit über runde Melodiebögen, virtuose Eloquenz und nuancierte Klänge hinaus: Hier wird die Musik zur Überzeugungsrede.

Man staunt über die Kontraste, die Atmosphäre, welche die einzelnen Sätze umgibt: Das Adagio, ebenso ungewöhnlich wie meisterhaft in seinen tonartlichen Wechseln, mutet an wie ein stehender Klang, mit sorgsam zelebrierten Durchgängen in allen Stimmen, die von einer Tonart in die nächste führen. Es ist ein gleichmäßig entschleunigter Strom, der kaum Regung zeigt und dennoch fortschreitet – wie der Atem eines Schlafenden.

Der allmählich sich entwickelnde Fluss am Beginn von Beethovens Quartett D-Dur (op. 18, 3) wird zum weiten, spannungsvollen Ausholen, bis die erste Violine das Geschehen plötzlich aufscheucht. Dann reißt jeder das Gespräch an sich: mit pointierter Schärfe, welche das Cello irgendwann besänftigt; schließlich fließt alles mit graziler Leichtigkeit - so, wie eben Gespräche verlaufen, wenn die Teilnehmer Durchsetzungskraft besitzen und daneben die Souveränität, sich im nächsten Moment gelassen zurückzunehmen. Diese grazilen, verspielten Figuren in den schnellen Sätzen, diese murmelnden Figuren (im Cello), das flimmernde Züngeln durch alle Stimmen, und zur selben Zeit diese melodische Einfachheit - das ist große Quartettkunst.

Auch im A-Dur-Quartett op. 41, 3 von Robert Schumann gibt es dieses langsame Anstoßen der Musik: Die schwebende Einleitung, aus der sich schließlich das Hauptmotiv herauslöst, ist das Fundament für ein leidenschaftliches Ausbrechen, aufgefächert in alle Stimmen. Das Hagen Quartett besticht auch hier mit der Fähigkeit zum spannungsvollen Ausdehnen und In-sich-Zurückziehen; mit Bewegungen, die beinahe zum Erliegen kommen und betörend nachklingen. Die Themen entfliehen, sie strömen aus - und sie animieren zum konzentrierten Nachsinnen; der tänzerische Finalsatz hingegen ist hierzu ein schroffer Gegensatz: entschlossen und kantig, mit einem metallischen, sehr zugespitzten Klang.

Als Zugabe schließlich ein Satz aus Haydns „Kaiserquartett“: Das begeisterte Publikum lässt diese vier musikalischen Rhetorik-Künstler nicht so schnell von der Bühne.
(Foto: Andrea Kremper; erschienen am 24. 11. im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de)



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