06.10.11
Ein klingendes Kunstwesen
Orgel-Improvisation zum Stummfilm "Der Golem" in der Stadtkirche Durlach

Von Monika Kursawe

Ein Golem - ein aus Lehm geschaffener künstlicher Mensch - flackert, in grünes Licht getaucht, auf einer Leinwand in der Stadtkirche Durlach.
Zum fünften Mal stand im Durlacher Orgelzyklus ein Stummfilm mit Live-Orgelimprovisation auf dem Programm. In diesem Jahr war es „Der Golem“ von 1920, der die Geschichte eines roboterartigen Wesens erzählt, das im 16. Jahrhundert von Rabbi Löw im Prager Ghetto erschaffen wird.

Christoph GeorgiiDie Filmmusik zu „Der Golem“ liefert der Karlsruher Jazz-Organist Christoph Georgii live auf der Orgel der Durlacher Stadtkirche. Dazu hat sich der derzeitige Beauftrage für Popularmusik der Evangelischen Kirche in Baden den Film im Vorfeld vier bis fünf mal angesehen; die Handlung kennt er in- und auswendig.
Die Musik allerdings, die er zum Film erklingen lässt, ist nicht einstudiert, sondern entsteht im Moment. Christoph Georgii improvisiert während des Films. Er verdeutlicht musikalisch die vorherrschenden Stimmungen, hebt die Charaktere und deren Gefühle hervor und vertont natürlich auch das, was man im Stummfilm naturgemäß zwar sieht, aber nicht hört - wie die Posaunen und Schalmeien am Hofe des Königs oder die Schofar-Hörner im jüdischen Ghetto.

Um die Handlung des Films zu unterstreichen oder auch subtil auszudeuten, nutzt Christoph Georgii die vielfältigen Registrierungsmöglichkeiten der Durlacher Orgel gekonnt aus. Tiefe, orientalisch angehauchte Bordun-Bässe unterstreichen das Geheimnisvolle und Fremdartige, wenn der Rabbi den Golem erschafft und zum Leben erweckt, oder wenn er seine Kenntnisse der dunklen Magie bei Hofe vorführt.
Im Gegensatz dazu stehen die verspielten, zart registrierten Passagen, in denen die „Leichtsinnigkeit“ und Unbedarftheit der Charaktere im Vordergrund stehen: die beginnende Liebesgeschichte zwischen Mirijam (der Tochter Rabbi Löws) und dem Boten des Königs, dem Junker Florian, oder die fröhlichen Tänze der Gesellschaft bei Hofe.
So wie im Film die verschiedenen Szenen und Grundstimmungen in bestimmte wiederkehrende Farbtöne getaucht sind, so findet man diese Farbnuancen auch in der Improvisation von Christoph Georgii wieder.

Szene aus "Der Golem"Bei einem Stummfilm wird besonders deutlich, wie sehr der Film von der Filmmusik lebt. Was ohne Ton vielleicht nur komisch wirken würde - wie die ersten unsicheren Schritte des gerade zum Leben erweckten Golems - das wirkt mit der Musik von Christoph Georgii um einiges vielschichtiger.
Die stolpernden Orgelklänge illustrieren nicht nur den tapsigen Gang des Golems, sie lassen zugleich auch herausklingen, was die Charaktere fühlen; sie lassen vorausahnen, wie sich die Dinge entwickeln könnten. Repetierende Bässe deuten auf das nahende Unheil hin, das vom Golem ausgeht; die darüber liegende hebräisch anmutende Melismatik verdeutlicht sowohl das ängstliche Misstrauen als auch die Neugier der Bevölkerung (hier kommt Christoph Georgii seine Erfahrung mit traditioneller Klezmermusik zu Gute).

Besonders die verschiedenen Charakterzüge des Golems heraus zu arbeiten gelingt Christoph Georgii ganz wunderbar - hinter dem roboterartigen Kunstwesen verbirgt sich nicht nur ein amoklaufendes Unwesen, sondern auch ein überfordertes Geschöpf, das mit seinen Kräften und seinen neu entdeckten Emotionen nicht umzugehen vermag.
Christoph Georgii unterstreicht das, indem er gerade den Furcht einflößenden, grobschlächtigen Golem oft mit besonders zarten Klängen vertont: beispielsweise mit einer einstimmigen, rohrflötenartigen Melodie, wenn der Golem eine Rose geschenkt bekommt und das erste Mal so etwas wie Gefühle verspürt.

Besonders gelungen ist auch der Schluss: die Raserei des Golems, die Christoph Georgii mit einer an einen verqueren, bösartigen Rummel erinnernden Musik unterlegt - mit bedrohlich wirkenden, stark rhythmisierten Bässen und darüber wirbelndem Sopran. Und mitten hinein in dieses infernalische Chaos mischt Christoph Georgii zarteste Klänge, wenn der Golem sich - plötzlich ganz sanft - von einem kleinen Kind entwaffnen lässt.
Ein wirkliches Happy-End ist das jedoch nicht. Die jüdische Gemeinde ist zwar gerettet - aber schwere Opfer wurden gebracht. Der Golem hat das Haus des Rabbis niedergebrannt und den Junker Florian getötet.
Und so beschließt auch Christoph Georgii seine Improvisation auch nicht mit einem strahlenden Schlussakkord im Fortissimo, sondern mit einem leisen Triumph.
(Fotos: Monika Kursawe)

Hinweis: Das letzte Konzert des Durlacher Orgelzyklus findet am Sonntag, den 09.10., um 17 Uhr in der Stadtkirche Durlach statt. Nähere Informationen unter neben stehendem Link.



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