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07.10.11
Der Tod klopft auf der Harfe
Das Schweizer Amar Quartett und die Harfenistin Françoise Friedrich mit musikalischer "Schauerromantik" bei den Weingartener Musiktagen
Von Christine Gehringer
Die Idee war gut: Zunächst die erotischen "Lieder der Bilitis", eine Textsammlung des französischen Dichters Pierre Louÿs auf der Grundlage antiker Poesie; durchbrochen das Ganze von Ravels klangsinnlichem Streichquartett F-Dur.
Im zweiten Teil des Abends hatte man die Gelegenheit, in Edgar Allan Poes Kurzgeschichte "Die Maske des roten Todes" zu erleben, wie mitten in einer Cholera-Epedemie ein lüsterner Hofstaat einen makabren Maskenball feiert. Anschließend konnte man dem schauerlichen Treiben im gleichnamigen Tongemälde von André Caplet (einem Zeitgenossen von Ravel) nochmals nachlauschen.
Doch ein solches Konzept verlangt eine absolut gleichwertige Darbietung von Text und Musik. Der junge Schauspieler Michael Meichßner zeigte zwar Leidenschaft, doch sein Vortrag geriet insgesamt zu gleichförmig, hatte Längen.
Eine derartige Textmenge zu einem packenden Hör-Erlebnis zu machen - das wäre vermutlich auch für einen sehr erfahrenen Sprecher eine große Herausforderung gewesen. Hinzu kam, dass die Akustik der evangelischen Kirche in Weingarten manches schluckte.
Und so konzentrierte sich die Aufmerksamkeit eher auf das Schweizer Amar Quartett (Anna Brunner und Igor Keller, Violinen, Hannes Bärtschi, Viola, dazu der eingesprungene Cellist Christopher Jepson) und die französische Harfenistin Françoise Friedrich - übrigens eine Schwägerin des Trompeters Reinhold Friedrich.
Von diesen Musikern hätte man allerdings gerne mehr gehört. Kurz und episodenhaft wirkte im ersten Teil das eingeschobene Ravel-Streichquartett neben den Texten - aber es waren Episoden, die den Zuhörer abwechselnd schwelgen und schaudern ließen; so weich flossen die Mittelstimmen, so hell flirrten die Klangstrahlen, so mysteriös und unheimlich flackerte das bisweilen diffuse Licht. Höhepunkt dieses Quartetts ist unbestritten der langsame Satz. Hier treffen große Gegensätze aufeinander; hier greift das Cello weit aus, der Gesang wird sofort von den anderen Stimmen flankiert und beleuchtet - und nun schillert alles in klangerotischer Üppigkeit. Und während die Mittelstimmen leidenschaftlich-glutvoll agieren, nehmen sich die Außenstimmen behutsam zurück, geben einen verhaltenen, aber festen Rahmen. Hinzu kommen zahlreiche Klangeffekte: eine betörende Helligkeit, ein eisiger Klang - und dann, im Finale schließlich, ein wilder Vorwärtsdrang in baskischen Tanzrhythmen.
In den Tänzen von Claude Débussy ("danse sacrée" und "danse profane") träufelt die Harfe in geradezu charakteristischer Weise ihre Töne wie ein zartes Parfüm zwischen den Streicherklang - dieses Werk setzt die chromatische Harfe rundum in Szene; Débussy schrieb die Stücke im Auftrag der Firma Pleyel, die sich das neuartige Instrument hatte patentieren lassen.
Zum Schluss folgte das erzählerische Drama: Dem Tongemälde von André Caplet hätte man gar nicht unbedingt die literarische Vorlage voranstellen müssen, denn die Musik spricht für sich.
Düster und abweisend beginnt das Stück, plötzlich rauscht die Harfe hindurch wie ein kalter Windhauch, aufgeschreckt wirkt die Szene - und nun irrlichten die Klänge nebulös umher: Das ist pure Schauerromantik; hier wird der ominöse Maskenball ganz bildhaft zum Tanz auf dem Vulkan, zum Totentanz.
Ein kleines Missgeschick fügt sich kurioserweise perfekt in diese Dramatik. Erst ein Knall - und dann wird klar: An der Harfe ist eine Saite gerissen. Völlig nüchtern und ohne viel Aufhebens wird der Schaden behoben; mit einem Lächeln und derselben Behutsamkeit setzt Françoise Friedrich gemeinsam mit den anderen Musikern nochmals die ersten Töne an. Und nun läuft die Erzählung nahtlos auf ihren Höhepunkt zu: Erstarrte Klänge und ahnungsvolles Geflirr künden von der Gefahr, bis dann schließlich - auf dem Holz der Harfe - gegen Mitternacht der "rote Tod" an die Türe klopft, und die Tanzgesellschaft in herabstürzenden Glissandi ihr Leben aushaucht.
Das war Abendunterhaltung vom Feinsten.
(Fotos: Gehringer)
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