|
|
|
|
  |
08.10.11
Erhabener Glanz
Claudio Abbado und das Lucerne Festival Orchestra mit Bruckner im Festspielhaus Baden-Baden
Von Christine Gehringer
Das Werk entfaltet sich langsam, in unendlichen Steigerungen. Wie durch einen großen Sakralbau schreitet man, durch erhabene Formen voller Festigkeit, bis man schließlich unter der großen Vierungskuppel steht; jenem höchsten Punkt des Kirchenschiffs also - dort, wo das Ewige mit dem Irdischen verschmilzt.
In Tönen ausgedrückt ist das die gewaltige Schlussapotheose dieser Sinfonie Nr. 5 von Anton Bruckner; der Choral, der sich schließlich in erhabener Größe emporschwingt und das monumentale Werk glanzvoll beendet. Nicht von ungefähr wird diese Sinfonie oft als "sinfonische Kathedrale" bezeichnet. Das ganze Werk strebt auf ein gewaltiges Finale hin, in vielen Bezugspunkten oder fugierten Strukturen entfaltet sich die Musik unter dem Dach einer eindrucksvollen Architektur.
Der Abend im Festspielhaus Baden-Baden beginnt mit Mozart, und der klingt nicht minder erhaben. Ein drängender, kraftvoller Zug im ersten Satz der Sinfonie D-Dur KV 385 ("Haffner"), eine Explosion gar im vierten - fast ein wenig spröde, in jedem Fall aber kompromisslos agiert das Orchester hier. Es ist das das wunderbare Lucerne Festival Orchestra, 2003 von Claudio Abbado mitbegründet, ein Klangkörper aus namhaften Solisten, aus Konzertmeistern und Solo-Instrumentalisten internationaler Spitzenensembles. Hier spielen der Geiger Kolja Blacher, der Bratscher und Freiburger Professor Wolfram Christ, der Cellist Matthias Moosdorf von Leipziger Streichquartett nebst seinen drei Kollegen, oder der Trompeter Reinhold Friedrich.
Der zweite Satz dieser Mozart-Sinfonie bildet den völligen Gegensatz. Es ist ein feinstichiges, luftiges Gewebe, ein schwunghaftes Rokoko mit Liebe zum Detail; kaum wahrnehmbar schwebt darüber eine fadenfeine Oboen-Melodie.
Diese Qualitäten sind die Zutaten für den Rest des Abends; hinzu kommt, dass Claudio Abbado seinen Klangkörper auswendig und - man möchte fast sagen - mit Leichtigkeit im Anschluss durch das Brucknersche Klanggebäude führt.
Immer wieder beeindrucken die im Tutti sich entfaltenden Steigerungen, drängend und mit Nachdruck, geradezu grell und erhitzt springen diese Passagen den Zuhörer an, aber dennoch nicht schwer oder gar aufdringlich - sondern eher wie ein gleißender Lichtstrahl, der sich plötzlich Bahn bricht, was auch dem fokussierten, leuchtenden Klang der Blechbläser zu verdanken ist.
Diese Passagen verglühen in zarten Streichern, verweilen in ruhevollen Momenten (besonders hervorzuheben sind die hier makellosen Holzbläser) oder driften ab in eine verhangene Atmosphäre.
Einen ersten Gipfelsturm, ein erstes Ausrufezeichen gibt es gegen Ende des ersten Satzes - all das sollte sich jedoch noch steigern.
Zunächst aber das Adagio: Rhythmisch fragil ist dieser Satz, immer in der Schwebe zwischen unterschiedlichen Polen; ergreifend klingt darüber die Oboen-Melodie, die sich langsam und beinahe trauernd darüber ausbreitet. Das Ländler-Thema des dritten Satzes gestikuliert groß und wirkt dadurch fast ein wenig derb - was aber den Kontrast mit dem süßlichen Idyll des Trios umso mehr schärft.
Nach den leise sich voran tastenden Zitaten wird man im vierten Satz von den Wogen dann nahezu überrollt; immer wieder gibt es abrupte Szenenwechsel, immer wieder bricht der mächtige Choral herein, der allmählich zur Doppelfuge anwächst und den Zuhörer in einen gewaltigen Sog hinein nimmt: Die Geiger am ersten Pult agieren hier, als gäbe es kein Morgen. Mit dem Hauptthema des ersten Satzes verbunden, rundet sich diese grandiose Coda schließlich zu einer Kuppel über dem teilweise barock komponierten Bau; helles Licht fällt von oben herein, und wie in einer barocken Basilika öffnet sich die Architektur nun gen Himmel. Man ist ergriffen.
(Foto: Stephanie Schweigert)
Qualitätsjournalismus hat seinen Preis. Zeigen Sie, was er Ihnen wert ist!
So unterstützen Sie PAMINA Magazin

Klassik-Hörbücher:

Wir erklären Ihnen die Klassik.
In acht Hörbüchern durch die europäische Musikgeschichte, vom Mittelalter zur Moderne.
Mit 150 Musikbeispielen von 70 Komponisten.
(Informationen unter www.klassikladen.de)

zurück zur Hauptseite
zurück zu "Kritik"

|
|
|
|
|