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10.10.11
Zarte Hörgemälde
Ruth Ziesak sang Lieder von Schumann, Mahler und Liszt in Ettlingen
Von Christine Gehringer
Die Konzertsaison der Ettlinger Schubertiade schloss mit einem echten Glanzlicht, mit zwei Künstlern von Weltformat: Ruth Ziesak, international gefeierte Sopranistin, und Gerold Huber, unter anderem Klavierpartner von Christian Gerhaher, Diana Damrau und Mojca Erdmann - sie beide demonstrierten in der Stadthalle Ettlingen Liedkunst vom Feinsten.
Noch immer klingt die Stimme von Ruth Ziesak weich und mädchenhaft, noch immer hat sie dieses betörend helle Funkeln in den Spitzentönen, diesen schmalen, geschlossenen, obertonreichen Klang. Daneben scheint Gerold Huber geradezu aus einem Füllhorn an Ausdrucksmöglichkeiten zu schöpfen. Hier gleicht keine Stelle der anderen; hier klingen manche Lieder nur an der Oberfläche unbedarft und zart - dahinter aber verbergen sich Vorahnungen, Verinnerlichungen, Erregungen. Die Blattzeichnungen des Nussbaums (Robert Schumann), die Blüten, das Flüstern - all das scheint feingliedrig durch die Musik hindurch, dazu hört man in den "Sechs Gesängen op. 107" Grautöne im Klavier ("Herzeleid"), und die gleichförmige Bewegung des Spinnrads ("Die Spinnerin") kann nicht über die innere Unruhe hinwegtäuschen. Abgründig, unerbittlich, "nicht von dieser Welt" und unterschwellig erregt - so schließen danach Schumanns "Mignon"-Vertonungen den ersten Teil ab.
In den Liedern von Gustav Mahler aus "Des Knaben Wunderhorn" gelingt Ruth Ziesak erst ein kindlich-naiver Ton ("Um schlimme Kinder artig zu machen"), dann ein staunendes Sich-Öffnen ("Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald") - nur an einigen wenigen Stellen schleichen sich leichte Irritationen in den Klang, außerdem fallen die geschlossenen Vokale manchmal ein wenig aus der Gesangslinie heraus. Doch insgesamt bleibt das ohne wesentliche Bedeutung, zumal die Sopranistin in "Scheiden und Meiden" souverän einen kraftvoll-stählernen Ton mit einer großen Leichtigkeit und Innigkeit verbindet.
Unbestrittener Höhepunkt in diesem Programm sind jedoch die Lieder von Franz Liszt. Man hört sie selten, viel zu selten - aber ein Jubiläumsjahr fördert dankenswerterweise in dieser Hinsicht manches Kleinod zu Tage. Das gilt allerdings auch nur dann, wenn sich Künstler wie Ruth Ziesak und Gerold Huber ihrer annehmen. Liszt, der Klangzauberer, der sich über alle musikalischen Grenzen hinwegsetzt; Liszt, der Subtile, der Empfindsame - er verdichtet seine Kunst in seinen Liedern, und die beiden Interpreten schaffen Hörgemälde, vor denen man nur allzu gerne verweilt: Da hüllt ein Klangschweif des Klaviers einen der "drei Zigeuner" (nach Nikolaus Lenau) hörbar in eine Rauchwolke; hier ist sich der Gesang beinahe selbst genug, sodass sich an dieser Stelle der philosophische Zug, die Verachtung des Lebens kundtut.
Der nächste (schlafende) Zigeuner wird nicht nur von silbrigen Zimbalklängen umhüllt - nein, den beiden Künstlern gelingt zusätzlich ein verschwommener, entrückter Klang, der die traumverlorene Atmosphäre perfekt wiedergibt.
Und so geht es weiter. Die "Glocken von Marling" werden zum betörend luftigen Gewebe, mit zartem Geläut und einer ebenso zarten Singstimme im Vordergrund; die Lorelei-Erzählung übt zunächst vordergründige Zurückhaltung und legt dann unterschwellig die gesamte verhängnisvolle Verführungskunst offen.
Für den langen und herzlichen Applaus bedanken sich die beiden Künstler wiederum mit Liedern von Liszt: mit Heinrich Heines "Du bist wie eine Blume" und mit Freiligraths "O lieb, so lang du lieben kannst" - allgemein besser bekannt als "Liebestraum".
(Foto: Gehringer)
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