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11.10.11
Zerbrechlichkeit unter dem Schönklang
Das junge Trio Chausson eröffnete die Reihe der Bruchsaler Schlosskonzerte
Von Christine Gehringer
Schon die allerersten Takte machen hellhörig. Dieser feine, kristalline Klang in der Violine, diese hauchzarten Verzierungen im Klavier, die entweder haargenau parallel zur Geige verlaufen oder ganz leise unter dem Streicherklang verschwinden: Das junge französische "Trio Chausson" (benannt nach dem Spätromantiker Ernest Chausson) braucht keine Einspiel- und Aufwärmphase, es ist sofort präsent. Und bezeichnend ist auch, dass bereits diese ersten Töne des Haydn-Klaviertrios (G-Dur, Hob. XV:25) für die Qualität des gesamten Abends im Schloss Bruchsal stehen: Ein wunderbares Zusammenspiel, berückend schöne Klänge - warm und geschmeidig, dabei aber hell und fokussiert; dunkel aufschäumend dagegen, wenn es die Dramatik des jeweiligen Werkes verlangt.
Wie sie den zweiten Satz genießerisch auskosten, wie das Klavier dabei zu singen anfängt, und wie intensiv die drei Musiker (Philippe Talec, Violine, Antoine Landowski, Violoncello, und Boris de Larochelambert, Klavier) dabei miteinander kommunizieren - das ist einfach eine reine Freude.
Das völlige Gegenstück ist schließlich das Finale mit seinem zigeunerischen Temperament - übrigens ein Leitmotiv, das sich beinahe durch den gesamten Abend zieht. Den dreien gelingt in diesem dritten Satz gewissermaßen die kontrollierte Ekstase; ein Zusammenspiel in mechanischer Genauigkeit, dabei aber hochvirtuos und mit einem inneren Feuer, als hielte die Musiker nichts mehr auf ihren Stühlen.
Gespannt erwartete man deshalb das d-moll-Trio von Robert Schumann - einem Komponisten, dessen Zerbrechlichkeit und Brüchigkeit sich auch in den empfindsamsten und schönsten Momenten offenbart. So auch in diesem Trio, das in den erregten Anfangstakten auf einen Ausbruch hinsteuert, und dessen weiche, schwelgerische Melodien oft von einer unruhigen Bewegung im Klavier in Atem gehalten werden. Stets droht die Atmosphäre in diesem Werk zu kippen, und das Trio Chausson bringt diese Zerrissenheit großartig zum Ausdruck: Als Zuhörer sitzt man gewissermaßen ständig auf einem Schleudersitz.
Hinzu kommen überraschende Klangeffekte; das klirrende Stegspiel etwa, das dem Werk für ein paar Takte einen Hauch von Fremdartigkeit und Exotik gibt, leuchtend und glitzernd zudem. Eben noch pochende Erregung, dunkler Klang, Abgrund - plötzlich helle Lichtreflexe: Das ist der Reiz dieses Stücks. Im dritten Satz gibt es diese Gegensätze erneut: eine archaische Strenge, welche die Musik fast erkalten lässt - und dann plötzlich ein hoffnungsvoller Umschwung.
Diese Brüchigkeit setzt sich fort bei Schubert - aber auf eine andere Art. Und auch hier agiert das Trio Chausson meisterhaft in dieser Ambivalenz. Sanft wiegend, im Grunde ruhevoll und dennoch schmerzvoll-sehnsüchtig - so kennt man Schubert, so offenbaren sich auch die Anfangstakte im Triosatz Es-Dur ("Notturno").
Es ist eine vollkommen friedliche Musik (das Publikum reagiert mit spontanen "Schön!" - Rufen), aber irgendetwas scheint bereits hier die Atmosphäre zu trüben - man weiß nur noch nicht, was. Der Umschwung kommt schließlich groß und stürmisch; umso zarter, umso inniger kehrt man schließlich zum Anfangsthema zurück: Großartig!
Der Rest des Abends steht ganz im Zeichen der Zigeunermusik und der osteuropäischen Volksweisen. Speziell eingerichtet für das junge Trio sind die ungarische Rhapsodie Nr. 12 cis-moll von Franz Liszt und Bartoks rumänische Tänze (das Trio Chausson spielt Sechs Volkstänze Sz 56 und einen Tanz aus op. 8a Sz 43): So arrangiert, klingen die Stücke noch "zigeunerischer", spontan kommt einem hier das Bild des Stehgeigers in den Sinn.
Herabstürzende Akkorde eröffnen die Liszt-Rhapsodie, dann gehört die Bühne der aufreizend lasziven Violine. Vielfarbig sind auch die Bartok-Tänze mit ihren Pizzicati und Flageoletts, wobei die Hauptstimme mal in die Violine, mal ins Cello ausgelagert wird - erst im letzten Tanz spielen sich wiederum alle drei Musiker die Bälle zu.
Zwei Zugaben-Sätze beenden den Abend: Der erste ist von Claude Débussy, der zweite von dessen Zeitgenossin Cécile Chaminade. Er ist zwar etwas zu lang für ein Zugaben-Stück - aber das Publikum lässt sich auch zu später Stunde von den schwelgerischen Melodien der weitgehend unbekannten Meisterin gerne mitreißen.
(Foto: Hans- Peter Henecka; Proben im Schloss Bruchsal)
Zum Nachhören: Das Konzert mit dem Trio Chausson wird am Montag, den 07.11. in SWR 2 ("Abendkonzert") gesendet.
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