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14.10.11
Zarteste Virtuosität am Klavier
Die russische Pianistin Polina Leschenko eröffnete die Konzertreihe der "Karlsruher Kammermusikfreunde"
Von Monika Kursawe
Mit einem strahlenden Lächeln betritt die russische Pianistin Polina Leschenko die Bühne des Karlsruher Stephansaals, verbeugt sich kurz - und schon sitzt sie am Klavier und greift beherzt in die Tasten.
Die ersten majestätisch-feierlichen, aber ganz und gar nicht pathetischen Akkorde aus Joseph Haydns Sonate Es-Dur (Hob. XVI:52) erklingen noch während dem Begrüßungs-Applaus. Mit dem „Drumherum“ eines Konzerts - wie eben dem Applaus oder der koketten Effekthascherei einer Bühnenshow, die man bei so manch anderem jungen Shootingstar findet - hält sich Polina Leschenko nicht auf. Nicht sie steht im Mittelpunkt, sondern die Musik, deren Übermittlerin sie ist.
Sie nimmt die Musik ernst, die sie mit vollendeter technischer Präzision, aber niemals seelenlos dem Flügel entlockt. Sie spürt die harmonisch-vielfältigen Schattierungen in dieser letzten und äußerst reifen Sonate Joseph Haydns auf; sie arbeitet Anmut, Frohsinn, Ernst und Tiefsinn heraus und zeigt damit die ganze, eigene Schönheit dieser Sonate. Vor allem im Adagio nimmt sie sich unendlich viel Zeit, gibt jeder Note mit sanft-weichen Klangbildern Raum, lässt auch die Musik zwischen den Tönen klingen, um im letzten Satz - dem luftig, heiteren Presto - wiederum die harmonische Kühnheit heraus zu arbeiten, sich über haydnsche Skurilitäten, Scherze und Trugschlüsse zu freuen.
Keine Zeit lässt sie sich anschließend, um ihren Applaus zu genießen. So schnell wie möglich - fast schon getrieben wirkt es - flüchtet sie sich wieder hinter ihren Flügel und stürzt sich und das Publikum unvermittelt in das Violinthema der berühmten a-moll-Caprice von Niccolò Paganini, die Johannes Brahms in seinen Variationen op. 35 auf das Klavier zurecht geschneidert hat.
Als „Studien für das Pianoforte“ waren diese Variationen zunächst gedacht, doch schon bald baut Brahms die Übungen zu einem „Werk“ aus - und spielt sie sogar selbst mehrfach im Konzert.
Polina Leschenko kostet diese verschiedenen Stimmungen voll aus, stürzt sich in jede der Variationen mit äußerster Leidenschaft. Vor allem die leisen Töne gelingen der jungen Pianistin außergewöhnlich gut, mit ihrem klaren und weichen Anschlag erinnert sie an den jungen Horowitz.
Polina Leschenko stürzt sich in rasante, bestechend sauber artikulierte Läufe, und versinkt förmlich in ihrem eigenen Spiel, wirkt stellenweise fast selbst überrascht und gerührt, wenn sich eine charakterliche Wendung abzeichnet. Manchmal gleitet ihr Blick nach oben, suchend wirkt das, als ob sie selbst nicht wüsste, was die Musik als nächstes für sie bereithält. Und dann zeigt sich wieder einmal, dass Polina Leschenko nicht viel übrig hat für Applaus und Konzert-Attitüden. Die letzten drei Werke der ersten Hälfte, eben die Brahms-Variationen op. 35, zwei von Nikolai Medtners „Vergessene Weisen op. 38“ und die „Große Etüde nach Paganini Nr. 6“ von Franz Liszt, fasst Polina Leschenko zu einem großen Werk zusammen. Ohne Unterbrechung lässt sie die drei Werke fließend ineinander übergehen und bricht so mit den gängigen Konzertkonventionen, was nicht bei allen Konzertgängern gut ankommt.
Und doch geht diese Idee musikalisch durchaus auf, greifen doch Brahms und Liszt jeweils dasselbe Thema von Niccolò Paganini für ihre Werke auf - sie bilden also tatsächlich eine absolut verbindende Klammer. Auch die „Vergessenen Weisen“ in der Mitte fügen sich stilistisch gut ein, gilt doch der hierzulande sehr unbekannte Nikolai Medtner als der „russische Brahms“. Jedoch fühlt sich so mancher Zuhörer eben durch diese eigenwillige Zusammenstellung ziemlich überrumpelt und bleibt in der Pause ein wenig ratlos zurück. Vor allem die „Vergessenen Weisen“ von Nikolai Medtner, zwei gedanklich dichte, in den schönsten Farben leuchtende Werke, die auch noch zu den bedeutendsten Werken Medtners gehören - sie hätten es verdient gehabt, dass ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Nach der Pause stehen dann Frédéric Chopin und Robert Schumann auf dem Programm. Hier beeindruckt Polina Leschenko noch einmal durch das brennende, poetische Engagement in ihrem Spiel. Sie nimmt die Übertitelung in Chopins „Andante Spianato & Grand Polonaise Brillante op. 22“ wörtlich: „spianato“ (also einebnend, glättend) gestaltet sie das flächige Andante, zeigt aber auch hier erstaunlich viele hervorragend ausdifferenzierte Schattierungen auf - und lässt schließlich in der anschließenden Polonaise die pure Lust am virtuosen Musikantentum aufblitzen.
Der „Carnaval op. 9“ von Robert Schumann ist das letzte Werk des Abends. Geprägt von Heiterkeit und Witz sind die 20 kurzen Variationen, und auch hier wieder fördert Polina Leschenko das „launische“ in der Musik zu Tage; zwischen dahinrasenden Läufen, rhythmischen Passagen mit federleichtem Anschlag und nervös flatternden, melancholischen Abschnitten liegt oft nur ein Lidschlag. Und nach der majestätischen Schlussvariation nimmt sich Polina Leschenko dann doch noch ein bisschen Zeit, ihren Applaus zu genießen - bevor sie sich ein letztes Mal ans Klavier setzt für die Zugabe: eine hinreißende „Liebesleid“-Transkription (nach Fritz Kreisler) von Sergej Rachmaninoff.
(Foto: Thomas Viering)
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