16.10.11
Das musizierende Ohr
Neue Saison der Ettlinger Schlosskonzerte unter dem Motto: "Mit allen Sinnen"/ Zum Auftakt spielte das Quartetto di Cremona

Von Christine Gehringer

Eines galt beim Eröffnungskonzert der Ettlinger Schlosskonzerte ganz sicher nicht: Dass die Ohren unter anderem "Zuträger harmloser Musikstücke" sind, wie es Ingeborg Bachmann formuliert. Treffender ist es da schon eher, das Ohr - wie etwa Rose Ausländer - als "musizierende Heimat" zu umschreiben.
"Mit allen Sinnen" möchte die neue Reihe der Ettlinger Schlosskonzerte ihre Zuhörer in die Kunst hineinnehmen: mit Texten und Musik, die so ineinander verwoben sind, dass sich die Musik in den Worten wiederfindet und umgekehrt - oder dass die Ohren durch die Worte zumindest in besonderer Weise geöffnet werden.
Die prächtige Kulisse des Ettlinger Schosses bereicherte diese "Sinnenfreude" zudem um eine weitere Nuance.

Angenehm kurz und prägnant waren die ausgewählten Texte über das Hören (im Laufe der Saison werden alle fünf Sinne betrachtet), und SWR-Sprecher Rudolf Guckelsberger machte kleine Dramen daraus, so launig und charakterstark trug er die Essenz der Worte von Rilke, Bachmann, Ausländer und Italo Calvino an die Ohren der zahlreichen Zuhörer. Diese reagierten teils belustigt, teils zustimmend; immer wieder hörte man leises Gelächter: Absolut gleichwertig waren an diesem Abend Musik und gesprochenes Wort; zudem sorgten die Texte zwischen den einzelnen Werken für Abwechslung und erfrischten den Hörsinn auf eine ganz andere Art.

Quartetto di CremonaDanach konnte man die Ohren jeweils wieder ganz öffnen für das wunderbare Quartetto die Cremona, das seinen künstlerischen Feinschliff unter anderem beim Quartetto Italiano und beim Alban-Berg-Quartett erhielt.
Mitten hinein in Luigi Boccherinis gefällige Gesangslinien lassen sich die Musiker beim Streichquartett C-Dur op. 2, 6 fallen: Hier werden Töne und Phrasen regelrecht aufgeworfen, verspielt huschen Ornamente und Verzierungen durch die einzelnen Stimmen, mit Nachdruck werden zwischendurch die Akkorde angefasst. Doch insgesamt spielen Cristiano Gualco und Paolo Andreoli (Violinen), Simone Gramaglia (Viola) und Giovanni Scaglione (Violoncello) galant und geschmeidig, beinahe kleine Belcanto-Arien machen sie aus Boccherinis melodischen Gedanken - allen voran das Cello im zweiten Satz.

Unweigerlich bleibt das Bild vom "musizierenden Ohr", das sich aus der erwähnten "musizierenden Heimat" ableitet, im Gedächtnis haften - und bewahrheitet sich spätestens im Streichquartett Nr. 8 op. 110 von Dmitri Schostakowitsch. Dem Ohr eine aktive Musizier-Rolle zuzuweisen, ist gerade in einem solch dichten Werk vonnöten: Erst eine Klangschichtung, ein Abdriften in einen wehmütigen Tonfall, dann lösen sich - ganz langsam - die einzelnen Instrumente heraus und tauchen gewissermaßen an der Oberfläche auf. Zartes Sinnieren, schwebende Flächen wechseln nun mit Raserei und stampfender Unruhe. Betörend, ja geradezu anzüglich singt plötzlich das Cello - und wird dabei von den anderen Streichern flirrend umsäuselt.

Bevor sich das Quartetto di Cremona zum Abschluss dann Beethovens Streichquartett e-moll op. 59 widmet, erhalten die Zuhörer eine erheiternde Lektion im "Pfeifen der Amseln": Italo Calvinos Romanfigur "Herr Palomar" beobachtet erst die Vögel, dann seine Frau und sinniert schließlich über den Wert des menschlichen Wortes und über die menschliche Kommunikation an sich. (Manch einer im Publikum wird vielleicht auch an die missglückte Verständigung zwischen Mann und Frau bei Loriot gedacht haben).

Dieses Bild ist insofern passend, weil sich auch die Musik zur Zeit der Aufklärung an Rede und Gegenrede orientiert. Doch anders bei Calvino - der feststellt, dass Frage und Antwort oft nur um gegenseitige Bestätigung kreisen - fällt Beethoven gewissermaßen mit der Tür ins Haus. Gerademal zwei Akkorde sind nötig, um weite Räume zu öffnen für eine heftige Debatte: In diesem Quartett (Beethovens Gönner, dem Grafen Rasumowsky gewidmet) ist kein Platz für bestätigendes Geplänkel; zwischen wütend dreinfahrenden und zarten, befriedigenden Gesten changiert vielmehr die Musik.
Was bis dahin noch nicht aufgebrochen ist, das wird spätestens im Finale herausgeschleudert - in einer leidenschaftlichen, entfesselnden Diskussion.
(Foto: PR)

Zum Nachhören: Das Konzert wird am Samstag, den 10.12. um 20.03 in SWR 2 "Aus dem Land: Musik" gesendet.




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