17.10.11
Das Blau des Todes
Eindrucksvolle Premiere der Oper "Les Troyens" von Berlioz am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Von Christine Gehringer

Das Stück beginnt bereits am Eingang. Das trojanische Pferd, der "Musengaul" des Badischen Staatstheaters, ist schwarz verhüllt und sorgt für einige Aufmerksamkeit.
Auf seine Wurzeln besinnt sich das Haus mit der ersten Opern-Premiere unter der Intendanz von Peter Spuhler und bringt "Les Troyens" von Hector Berlioz auf die Bühne; vor 121 Jahren - am damaligen Karlsruher Hoftheater - erlebte das fünfaktige Werk um die Eroberung Trojas und den Aufenthalt der Trojaner in Karthago seine Uraufführung. Berlioz selbst hatte nie die Möglichkeit, seine Oper vollständig auf die Bühne zu bringen.

"Les Troyens", Badisches Staatstheater KarlsruheNun tut dies ein junges Team um den deutsch-französischen Regisseur David Hermann - und sorgt vor allem im ersten Teil für einen großen Wurf. Schilder und Lanzen künden vom Kampf und wirken gleichzeitig wie ein Trümmerfeld (Bühne und Kostüme: Christof Hetzer); das beklemmende Blau hat Sogwirkung, es beschwört das Unheil geradezu herauf.
Überall rinnt blaue Farbe herab. Es ist Blut, in der Farbe des Todes, es verbindet sich mit den Schattenfiguren der Unterwelt (Hektor). Diese Schattenfiguren unterwandern die Szenen, bis sie schließlich - als Trojaner in Todesstarre - mit eindringlichen "Italie"- Rufen zum Aufbau eines neuen Reiches mahnen.

Alles konzentriert sich im ersten Teil auf Kassandra, die das Unheil voraussieht. Großartig in dieser Rolle ist Christina Niessen: Ihre Stimme (zwar mit einigen Härten in der Mittellage) meistert diesen gewaltigen Spannungsbogen mühelos; ihr eindringliches Spiel zieht die Blicke auf sich, geradezu besessen wirkt sie. An ihrer Seite spielt - stimmlich und darstellerisch gewohnt überzeugend - Armin Kolarczyk als ihr Verlobter Choröbus.
Eine schauspielerische Glanzleistung ist zudem die Entschlossenheit, mit der die Damen des Chores am Ende den Selbstmord der Trojanerinnen inszenieren.

Auch im zweiten Teil bleibt dieser positive Eindruck zunächst bestehen. Das Motiv des Aufbaus (Rom) durchdringt die Szenen; Quader erscheinen auf Projektionen, im Bühnenbild, in Miniatur, als Stadt auf dem Reißbrett - überall werden die Protagonisten daran erinnert.
Noch hüllen danach das Bühnenlicht, der schimmernde Chorklang, die zarten musikalischen Wellenbewegungen die gesamte Szenerie in einen nachtblauen Schlummer - und nicht erst hier zeigt sich, wie großartig allein schon die Musik das ganze Drama ausleuchtet.
"Les Troyens" am Badischen Staatstheater Karlsruhe Doch just in diesem Moment kippt die bis dahin sehr überzeugende Darstellung: Das süßliche Rot, das den Liebesgesang von Dido und Äneas begleitet - es wirkt allzu plakativ, nimmt viel von der Atmosphäre.
In diesem zweiten Teil gibt es fast ausschließlich musikalische Höhepunkte: etwa den weich strömenden Tenor von Eleazar Rodriguez als Hofdichter Iopas, den eindringlichen Bass von Konstantin Gorny (Narbal), den farbigen Mezzosopran von Karine Ohanyan (Anna) oder die ebenfalls tadellose Darbietung von Sebastian Kohlhepp als Hylas. Gerade in solchen Momenten, in den durchgängig auf hohem Niveau besetzten Nebenrollen, wird die Qualität dieser Aufführung deutlich.
Stimmlicher Höhepunkt ist jedoch zweifellos Heidi Meltons "Dido". Die junge Amerikanerin schickt sich an, zu einem großen Gewinn für das Karlsruher Ensemble zu werden: Wunderbar beweglich und schlagkräftig, aber dennoch ohne Schärfen in allen Registern ist ihr Sopran, der sich bereits an Wagner-Rollen erproben durfte.

Darstellerisch hingegen überzeugt nicht alles. Die Schluss-Szene, Didos Verzweiflung, ihr Sterben - all das lässt den Zuhörer etwas ratlos zurück. Ist es die Regie, Meltons Spiel oder beides? Jedenfalls fällt dieser Schluss deutlich aus dem kraftvollen Bilderbogen heraus; unpassend naiv und puppenhaft gerät die Figur hier und zieht das Drama ausgerechnet an dieser Stelle ins Lächerliche.

Auch die Leistung von John Treleaven (Äneas) trübt die Aufführung. Schon die ersten Töne werfen einige Zweifel auf; kaum zumutbar ist diese brüchige Stimme. Zwar gelingt es ihm meist noch irgendwie, seinen einstigen Heldentenor kraftvoll herauszuwuchten - doch mit Gesang hat das wenig zu tun, eher mit Gebrüll, worunter auch die Intonation merklich leidet. Als Lohengrin mag man ihn sich kaum vorstellen.

Gewissermaßen zum "Held" auf der Bühne werden hingegen Chor und Extrachor des Badischen Staatstheaters unter der Leitung von Ulrich Wagner. Die Sängerinnen und Sänger liefern beeindruckende Tableaus; von majestätischer Kraft, freudetrunkenem Glückstaumel, lähmendem Entsetzen bis hin zu zartesten Klangwolken reicht das Ausdrucksspektrum. Hinzu kommt, dass die Chöre den gesamten Zuschauerraum bespielen - mal dicht von den Emporen, mal breit aufgezogen am Orchestergraben - und damit Berlioz' reiche Klangeffekte noch zusätzlich durch die Raumwirkung auffächern.
Der wohl größte Klangzauberer an diesem Abend ist allerdings einmal mehr Justin Brown am Pult der Badischen Staatskapelle; vom Publikum wird er dementsprechend lautstark gefeiert. Diese prächtige Fülle, die strömende Begleitung der Duette, die Bebilderung der rauschhaften und unheilvollen Szenen - sie machen die Bühnenbeleuchtung beinahe überflüssig.
Fotos: Markus Kaesler (oben); Jochen Klenk (unten)

Nächste Aufführungen: 21.10., 18 Uhr, 29.10., 16 Uhr


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