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23.10.11
Musik aus dem Augenblick
Die Pianistin Gabriela Montero begeistert im Festspielhaus Baden-Baden unter anderem mit spontanen Improvisationen
Von Christine Gehringer
Bei genialen Musikern hat man manchmal den Eindruck, sie „machen“ keine Musik, sondern die Musik fließt einfach nur durch sie hindurch. Vielleicht ist deshalb die Improvisation eine Kunst, die vielen klassisch ausgebildeten Künstlern – in erster Linie geschult durch intensives Üben - fremd geworden ist. Die Pianistin Gabriela Montero aber beherrscht diese Kunst und sagt selbst, sie sei beim Improvisieren nur ein Vehikel: „Was immer auch heraus will, ich lasse es heraus, ohne es zu behindern.“ Verblüfft und begeistert zugleich war das Publikum im Festspielhaus Baden-Baden jedenfalls über diese Musikerin, die sämtliche Grenzen überschreitet - und so war es auch sinnfällig, Beethovens Klavierkonzert Es-Dur zwischen ein Werk der Pianistin und eine Improvisationsstrecke (übrigens ein eigener Programmpunkt) einzubetten. Denn Gabriela Montero gelangte über das Improvisieren zur Komposition; gleiches gilt auch für Beethoven, was an den kadenzartigen Passagen im Es-Dur-Konzert deutlich zu hören ist.
Zu dieser Lust am Experimentieren passt auch Prokofiews D-Dur-Sinfonie („Symphonie classique“), die den Abend eröffnet. Der Geist Joseph Haydns blitzt hier auf, und die Academy of St. Martin in the Fields hat sichtlich Freude an der Verspieltheit dieses Werks: Charmant, graziös und gegen Ende ironisch überspitzt spüren sie all den augenzwinkernden Zitaten nach; am Dirigentenpult führt der 30jährige Patrick Lange – ehemals Assistent von Claudio Abbado - sicher und gelassen durch den Abend.
Mit beklemmendem Pochen, mit eindringlicher Melancholie leiten die „Drei Stücke für Klavier und Kammerorchester“ von Astor Piazzolla schließlich atmosphärisch über zu Gabriela Monteros „ExPatria“. Es ist die erste Komposition der Pianistin, vor kurzem entstanden, und es ist ein politisches Werk: ein kritischer, trauernder Blick auf das Heimatland Venezuela, das der Gesetzlosigkeit verfallen ist.
Eine hauchdünne Streicherdecke verrät die brüchige Demokratie – so lauten Monteros Erklärungen im Programmheft – bedrückend und sehnsuchtsvoll zugleich breitet sich die Musik aus. Doch diese Klangfläche wirkt auch wie der Schleier einer wehmütigen Erinnerung. Schlagartig zerfällt die Atmosphäre in einen unruhigen Rhythmus; das Werk scheint seinen Halt zu verlieren, ein melancholischer Klavier-Monolog schwillt langsam an zu einem Trauergesang. Da blitzen vereinzelt die ersten Misstöne auf. Sie wachsen sich aus zu einer Kakophonie, die Instrumente schreien gegeneinander an; jeder scheint nur noch für sich selbst zu kämpfen, worauf das Klavier mit wütenden Gegenangriffen reagiert.
Wachsende Kriminalität, ein Land, das im Chaos versinkt: Gabriela Montero hätte im Vorfeld kein Wort darüber verlieren müssen, sie hat es beispielhaft in Töne umgesetzt.
In Beethovens Es-Dur-Klavierkonzert schärft sie sämtliche Gegensätze; wie durch ein Brennglas treten hier heroische Züge und die innige Versunkenheit hervor. Wilde Entschlossenheit, in einem extrem kernigen Anschlag zum Ausdruck gebracht, wechselt mit völliger Entschleunigung: Hier scheint sie ihrem Spiel wie einem fernen Klang nachzulauschen, während sie an anderen Stellen mit heftigen Akkordschlägen den militärischen Ton geradezu auf die Spitze treibt.
Höhepunkt es Werks ist das Adagio: Beinahe aus dem Nichts fällt der Orchesterklang in den Puls des Dirigenten, das Klavier senkt sich ganz allmählich hinein, verwächst mit den Bewegungen der Holzbläser. Fast geheimnisvoll bereitet Gabriela Montero schließlich das Rondo vor.
Danach kehrt sie zu ihrer „Spielwiese“ zurück – so nennt Gabriela Montero ihre Improvisationskunst. In ihrer sympathischen, lockeren Art bittet sie das Publikum, ihr einige Themen vorzusingen, was zunächst für Gelächter und Verlegenheit sorgt. Aber eine offensichtlich bestens präparierte Schulklasse des Gymnasiums Hohenbaden zögert nicht lange und setzt gemeinschaftlich zu einem beherzten „Hit the road Jack“ an. Gabriela Montero (die den Song übrigens nicht kennt) spielt sich mehrmals die Melodie vor – und macht daraus eine fulminante Jazz-Nummer.
Noch während des begeisterten Jubels blickt sie erwartungsvoll in den Saal. „La donna e mobile“ ruft jemand, und diesmal breitet sie das Thema langsam aus; chopineske Züge trägt es zuerst und entwickelt sich allmählich zu einer hochvirtuosen Fantasie. Gäbe es nicht bereits die Rigoletto-Paraphrase von Franz Liszt – man könnte diese kühnen Einfälle für ein Werk aus der Feder des Jubilars halten. Gabriela Montero ist mehr als eine Interpretin - sie macht sich sämtliche Stile einfach untertan.
(Fotos: Marcus Gernsbeck)
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