25.10.11
Geschenk für den Jubilar
Martin Helmchen beim Klavierabend zum Liszt-Geburtstag im Schloss Bruchsal

Von Monika Kursawe

An Geburtstagsständchen für Franz Liszt wird es nicht gemangelt haben an diesem Abend - Liszt galt zu seiner Zeit als der „Hexenmeister“ des Klaviers, der auch Show-Effekten nicht abgeneigt war. (So spielte er bei manchen Konzerten abwechselnd auf zwei Flügeln, damit alle Zuschauer in den Genuss kommen konnten, seine Hände zu beobachten.)

Martin Helmchen im Schloss Bruchsal Auch bei den Bruchsaler Schlosskonzerten saß mit Martin Helmchen einer der beeindruckendsten Pianisten unserer Zeit am Klavier, der allerdings als Künstlerpersönlichkeit, das Gegenteil des gängigen Lisztbilds darstellt.
Zurückhaltend, fast schon schüchtern wirkt der schlanke, junge Pianist, wenn er das Podium betritt. Wenn er sich die Locken aus dem Gesicht streicht, wirkt er sogar noch jünger als 29 Jahre, doch dieser Eindruck verfliegt umgehend, wenn Martin Helmchen zu spielen beginnt, so reif wirkt sein Spiel tatsächlich. Nicht umsonst wird er oft als „früh gereifte Musikerpersönlichkeit“ bezeichnet, mit seinem hochvirtuosen und gleichzeitig unprätentiösen Stil hat sich Martin Helmchen in den letzten Jahren einen Namen gemacht, ist einer der gefragtesten Pianisten für romantische Musik.

Mit Robert Schumanns selten gehörtem Zyklus „Waldszenen“, (neun Klavierstücken op. 82) eröffnet Martin Helmchen den Abend.
Neun schlichte Szenen sind es, die Robert Schumann hier beschreibt. Martin Helmchen versteht es ausgezeichnet, jedes der neun Stücke nicht nur treffend zu charakterisieren, es gelingt ihm auch, dass jedes seine ganz eigene Klangfarbe findet. Mit auffällig sanftem und dennoch klaren Anschlag lässt er den Vogel als Propheten beispielsweise geheimnisvoll huschen, wie man das sonst nur von Bläsern kennt, bereits dem nächsten Stück entlockt Martin Helmchen völlig andere, volltönende, kräftig-selbstbewusste Klangfarben. Und immer leuchten die Stücke wie aus sich selbst heraus, weil Martin Helmchen keinen einzigen Faden aus dem dichten Stimmengeflecht aus den Augen verliert. 

Martin Helmchen spielt nicht nur, bei ihm kann tatsächlich von einer „Kunst als Klangrede“ gesprochen werden. Besonders klar wird das in den „6 Klavierstücken op. 19“ von Arnold Schönberg. Martin Helmchen füllt die sehr kurzen Stücke (das Kürzeste ist gerade einmal neun Takte lang) mit äußerster Ausdrucksstärke. Hier wird eine beeindruckende Ernsthaftigkeit und Reife deutlich. Der Spannungsbogen, der über den kurzen Sätzen liegt, bricht an keiner Stelle ab, sogar die Pausen scheinen zu atmen. „Zu meiner Musik muss man Zeit haben. Die ist nichts für Leute, die anderes zu tun haben“, schrieb Arnold Schönberg dereinst an seinen Kollegen Anton Webern - Martin Helmchen hat diese Zeit anscheinend im Überfluss.

Wie gut auch die Programmzusammenstellung durchdacht ist, wird bei den nun folgenden vier Werken von Franz Liszt klar. Diese vier Werke, im Zusammenhang mit Schönberg und Schumann gespielt, wirken nicht wie ein virtuoser Einschub, sondern fast wie eine Klammer zwischen Schumann und Schönberg.
Martin Helmchen zeigt mit „Au bord d´une source S 160“ (aus „Années de Pèlerinage“), „Nuage gris für Klavier S 199“ und „Bagatelle sans tonalité für Klavier S216a“, eine unglaublich poetische, fast schon impressionistischen Seite des Komponisten Franz Liszt, die teilweise schon deutlich in Richtung Atonalität verweist, so dass diese Werke sich sowohl mit der Poesie und dem romantischen Tonfall der schumannschen Stücke, als auch mit der modernen Klangästhetik Schönbergs verbinden.

Auf ein klassisches Virtuosenstück muss das Publikum trotzdem nicht verzichten; Martin Helmchen überwältigt das Publikum förmlich mit der Nr. 2 a-moll aus den „Études d‘exécution transcendante“ S 139, indem er vorführt, was Virtuosentum eigentlich bedeutet. Martin Helmchens Virtuosität speist sich aus ganz verschiedenen Parametern, wie klarer Linienführung, dynamischer Flexibilität, höchst durchdachter, sauber ausgeführter Phrasierung und präzisem Rhythmus, die er sehr kontrolliert und besonnen zusammenfügt. Nie degradiert er die Etüde zum bloßen Bravourstück.

Den zweiten Konzertteil beginnt Martin Helmchen mit dem wohl bekanntesten Werk des Abends, mit der „Arabeske C-Dur op. 18“ von Robert Schumann. Das Werk lebt vom Ornamentalen, von kunstvoll verschnörkelten Verzierungen, die Martin Helmchen nur so hinzaubert. In einer wehmütigen Grundstimmung flüstert er im Pianissimo, wandert oft fast schon an der Grenze zum Brüchigen, bis hin zum schmerzvollen Pathos.

Das letzte Werk des Abends, die „Symphonischen Etüde op. 13“, (ein Werk das Schumann selbst einige Male abgeändert hat) spielt Martin Helmchen in der späten Fassung von 1952, die vor allem den Variationscharakter des Werks in den Vordergrund stellt. Martin Helmchen ergänzt diese noch durch fünf Variationen, die erst 1873, posthum veröffentlicht wurden (herausgegeben von Johannes Brahms). Hier zeigt sich, dass Robert Schumann und Franz Liszt sich auch im Virtuosen durchaus ähnlich sind. Martin Helmchen zeigt sein pianistisches Können in rasanten Läufen, dann wieder schenkt er seine ganze Aufmerksamkeit einem einzelnen Ton, lässt ihn wie Tau von einem Grashalm tropfen und beschließt in feierlicher Ausgelassenheit.

Martin Helmchen präsentiert nicht nur eine blank polierte Oberfläche, er kratzt am Grunde der Werke, erfasst sie so in ihrer Gesamtheit und bescherte den Hörern ein wundervolles Konzert, und darüber hinaus Franz Liszt auch ein sehr schönes Geschenk zum 200sten Geburtstag. Hätte er es hören können, er hätte sich sicher gefreut und beifällig genickt.
(Foto: Hans-Peter Henecka; Probe im Schloss Bruchsal)


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