25.10.11
Paradiesische Klangfülle
Jonathan Nott und die Bamberger Symphoniker mit Mahler im Festspielhaus Baden-Baden

Von Christine Gehringer

Jonathan NottBrüche, die sich unter der Melodienseligkeit auftun, und Anmut, die ständig auf der Kippe zur Groteske steht: Keinen sicheren Boden unter den Füßen hatte man bei Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern, die im Festspielhaus zuerst Schuberts Sinfonie h-moll („Unvollendete“) und danach die vierte Sinfonie von Gustav Mahler aufs Programm gesetzt hatten. Das ist dramaturgisch ausgesprochen sinnvoll, denn die Dimensionen der „Unvollendeten“ verweisen bereits auf das Werk Mahlers, doch die Gegensätze in beiden Sinfonien entfalten sich in völlig unterschiedlicher Atmosphäre.
Diese Kontraste galt es herauszuarbeiten - und Jonathan Nott, ein umsichtiger Klangmaler, tut dies mit verblüffend einfachen, jedoch wirkungsvollen Mitteln. Er betont bei Schubert vor allem die strömende Ruhe, die Schönheit der Einzelstimmen, und die wunderbaren Bamberger stehen ihm mit einem edlen Klang und perfekt geformten Melodiebögen zur Seite. Doch gerade diese statische Ruhe, die den Hörer zunächst beinahe entrückt – sie bekommt nach und nach etwas Lähmendes, Drückendes: Prompt wird der Melodiestrom danach zerschlagen durch die buchstäblich harte, ja fast grelle Realität.

Mit ähnlichen Mitteln fängt Jonathan Nott auch die kindliche Verspieltheit der anschließenden Mahler-Sinfonie ein. Ihre Durchsichtigkeit und Schwerelosigkeit zeigt sich auch hier in seiner offensichtlichen Liebe zum Detail. Fast selbstvergessen steht er am Pult und fasst das Werk an wie zerbrechliches Glas, damit nur ja keine Linie, kein Motiv verloren geht – die grazilen Streicher etwa, die makellosen Bläser, die Kontrabässe, die mal eben unter dem Orchesterklang durchhuschen. Ebenmäßig schön klingt das alles – fast zu schön für die Ironie, die Doppelbödigkeit, die in dieser Musik steckt.
Doch dann zeigt Jonathan Nott, dass man ihn zu den Meistern des feinen Humors rechnen muss. Denn dieses selbstvergessene Schwelgen entpuppt sich als trügerisch; gezielt (und mit einem verschmitzten Lächeln) schafft er Raum für die schrägen, grotesken Klänge, für die plakativen Überzeichnungen: Wie eine Erzählung aus der Perspektive eines Kindes wirkt die Sinfonie; großäugig, staunend werden die Ereignisse betrachtet, allzu romantisch kündigen sich im Laufe des Werks die „himmlischen Freuden“ an.
Als der erste Satz mit lärmendem Stampfen ausklingt, folgt Gelächter im Publikum: Die Pointe sitzt.

Im zweiten Satz nehmen vorwitzige Holzbläser der spröden Solo-Violine die Schärfe; eigentlich spielt hier „der Tod mit seiner Violine“ – doch Klarinetten, heranschleichend wie lauernde Katzen, drehen auch hier wiederum die Atmosphäre. Alles löst sich auf in einen wolkigen, „himmlischen“ Klang, der nahtlos in das „Poco adagio“ übergeht: Das volksliedhafte Thema schwebt geradezu im Saal; mit seinen schimmernden Flageoletts ist jede Erdenschwere herausgenommen. Aber das Klagen der Oboe (beinahe hat man Mitleid) zieht die Musik sofort wieder auf den Boden, und erst am Ende des Satzes wird gewissermaßen der Vorhang aufgerissen für die lustvollen Englein: Der kristalline Sopran von Christina Landshamer passt dazu wunderbar; mit einem hellen, glockigen Ton zeichnet sie dieses „himmlische Leben“ nach. Angesichts dieser paradiesischen Klangfülle blieben auch beim begeisterten Publikum keine Wünsche mehr offen.
(Foto: Thomas Müller/PR)



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