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30.10.11.
Gefühlsrausch und Todesnähe
Valery Gergiev präsentiert Tschaikowsky-Preisträger im Festspielhaus Baden-Baden
Von Christine Gehringer
Tschaikowksys Leben in drei Stunden: Einen weitläufigen Bogen um die künstlerische Entwicklung des russischen Meisters schlug das erste Konzert des Tschaikowsky-Zyklus im Festspielhaus Baden-Baden. Zunächst noch die „Winterträume“ der ersten Sinfonie, dann die großen Leidenschaften im b-moll-Klavierkonzert (selbstverständlich auch, um den jungen Tschaikowsky-Preisträger Daniil Trifonov zu präsentierten) – und am Ende Tschaikowskys „Vermächtnis“: Die Sinfonie Nr. 6 h-moll („Pathétique“).
Das war eine Wucht an Emotionen, die den Zuhörer hier traf. Musik, die sich zwischen den Gegenpolen eines labilen, schwermütigen Charakters aufreibt; hörbar gemacht vom fabelhaften Valery Gergiev (zugleich auch Jury-Vorsitzender des Tschaikowsky-Wettbewerbs) mit dem Orchester des St. Petersburger Mariinsky-Theaters.
Die „Winterträume“ (Gergiev und das Mariinsky-Orchester machen stellenweise „Winterstürme“ daraus) lassen erahnen, was im Lauf des Abends zu erwarten ist: Große, prächtige Klänge, dazu geschliffene Holzbläser und schwelgerische Streicher, die gewissermaßen über die Szenerie hinwegwehen.
Aufhorchen lässt der 20jährige Daniil Trifonov, der Gewinner des diesjährigen Tschaikowsky-Klavier-Wettbewerbs. Da sind zunächst seine geradlinigen Läufe: Aus dem Diskant stürzen sie wolkenbruchartig hinunter, und selbst dann, wenn Trifonov seine Akkorde wie Donnerschläge in das Orchester hinein platziert, bleibt der Klang dennoch rund, brillant, ohne jede Schärfe. In den elegischen Passagen huscht er manchmal nur wie ein Schatten vorbei; er spielt mit ausgeprägter Agogik – als sei er ein Redner, der jedes Wort durch bedeutungsvolle Gesten unterstreicht. Aber bei Daniil Trifonov wirkt das keineswegs aufgesetzt. Es ist keine Effekthascherei, sondern augenscheinlich nichts anderes als Hingabe – und damit erstickt Trifonov sofort jedes Zuviel an Pathos in diesem überaus populären Werk.
Man spürt das in jenen Momenten, in denen er die Musik völlig entschleunigt, jede Bewegung herausnimmt - und sich dabei über die Tasten beugt, als wolle er die Schönheit jeder einzelnen Note unter einem Mikroskop bestaunen.
Das Publikum spürt, dass es von diesem jungen Künstler soeben eine große Interpretation zu hören bekommen hat – und ist hingerissen. Trifonov dankt es den Festspielhaus-Besuchern mit Chopins „Grande Valse brillante“ Es-Dur op. 18.
Zu diesem Zeitpunkt hat der Abend allerdings seinen Höhepunkt noch nicht erreicht, denn dieser kommt fraglos mit der h-moll-Sinfonie. Diese Erbarmungslosigkeit, dieses verzweifelte Aufbegehren gegen ein unabänderliches Schicksal - all das gestaltet Valery Gergiev geradezu filmreif. Wie ein jäher Aufschrei wirken die orchestralen Stromschnellen und die an manchen Stellen überhitzte Musik, die immer wieder (vor allem durch eine wunderbar zarte Klarinette) besänftigt wird – bis der erste Satz schließlich kraftlos in sich zusammen sinkt.
Das „Allegro con grazia“ fällt eigentlich aus dem Rahmen dieses schicksalhaften Werks, es gibt sich tänzerisch, anmutig. Doch Valery Gergiev macht unmissverständlich klar, dass man sich mit der gesamten Sinfonie in Todesnähe befindet: Dieser Satz trägt einen merkwürdigen Trauerflor; wie durch einen Schleier scheint man zurückzublicken auf schöne Erinnerungen.
Bevor das abschließende „Adagio lamentoso“ gewissermaßen über die Hörer hereinbricht, kann man Gergiev und den Musikern des Mariinsky Orchesters förmlich dabei zusehen, wie sie der flirrenden, nervöse Umruhe des dritten Satzes allmählich einen festen Rahmen geben und sich schließlich ein Marsch herausformt, der so groß auftrumpft, als sei dies das Ausrufezeichen zum Ende des Werks.
Tatsächlich lässt sich an dieser Stelle beinahe jedes Publikum zum Applaus hinreißen (schon setzen auch im Festspielhaus die ersten Besucher bereits zum Beifall an), doch der Stimmungsumschwung kommt abrupt. Ergriffen lauscht man, was Gergiev aus dem Finale macht: Herzzerreißender kann dieses Lamentoso kaum sein; kaum unerbittlicher die Härte, mit der jede Hoffnung zerschlagen wird. Und plötzlich wird der dunkle Trauergesang zu einem tröstlichen Choral, der über jede Verzweiflung hinausweist – bis sich die Sinfonie gewissermaßen in die Grabesgruft senkt. Noch hört man ein leises Pochen, einen schwachen Puls, dann ein tiefes Aushauchen: Lange herrscht ergriffene Stille; auch der Applaus ist - trotz lauter Bravos - kein Jubel, sondern eine Zustimmung im Innern.
(Foto: Michael Gregonowits)
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