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31.10.11
Kleinode der Kammermusik
Werke von Markus Hechtle und Peter-Michael Riehm in Schloss Gottesaue
Von Christine Gehringer
„Neue Musik im Schloss“ – mit diesem Anliegen hat der Kulturfonds Baden innerhalb seiner Konzerte in Schloss Gottesaue zugleich eine neue Sparte geschaffen. Werke von Markus Hechtle (Jahrgang 1967) standen unter anderen auf dem Programm; der Komponist studierte bei Wolfgang Rihm und arbeitete unter anderem mit dem Ensemble Modern und dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg.
Peter-Michael Riehm, geschätzter Musikpädagoge und bis zu seinem Tod im Jahr 2007 Professor an der Karlsruher Musikhochschule, schrieb etliche Stücke für den Unterricht und für die Arbeit mit Chören. Nun jedoch waren regelrechte Kleinode der Kammermusik zu hören.
Die Werke beider Komponisten ähneln einander in ihrer Dichte. Markus Hechtle braucht nur wenige Mittel, um sofort Atmosphäre zu schaffen: Zum Beispiel ein sachtes Gitarren-Arpeggio in "Sätze mit Pausen" (mit Dana Barak, Klarinette, Kristjan Tamm, Gitarre, Björn Sperling, Viola, Julian Bachmann, Violoncello, Paul Cervenc, Kontrabass), und dieses Arpeggio ist gewissermaßen das Leitmotiv des Stücks. Hier fallen vorsichtig Bratsche, Klarinette, Cello und Kontrabass hinein, jeder Akkord scheint ein neues Tor zu öffnen, später jagt die Klarinette fulminant in die Höhe.
Der Titel des Werks bringt den Zuhörer auf den Gedanken, dass sich hier das Wesentliche tatsächlich zwischen den Tönen abspielt.
Der Pianist Frank Düpree widmet sich dem "Zurück" für Klavier; abrupt abgebrochene Läufe und dunkle Akkorde nimmt man wahr - das Stück klingt zeitweise wie ein schweres Vehikel, das sich langsam rollend fortbewegt.
Ein wechselhaftes Werk ist der "Blinde Fleck" (mit Sang Mi Choi, Klavier, Jonathan Müller, Trompete, Dana Barak, Klarinette, Shinichi Minami, Schlagzeug, Julian Fahrner, Violine, Björn Sperling, Viola, Julian Bachmann, Violoncello, Dirigent: Frank Düpree): Harsche Klänge kontrastieren mit Seufzermotiven, flirrende Streichern, zeitweise mit fahlem Stegspiel, und mit Einzelstimmen, die sich immer wieder melodisch herauslösen.
Die „Ausgewählten Lieder“ des verstorbenen Musikpädagogen Peter-Michael Riehm sind feinstichige Miniaturen: dichtes Gewebe, großer Ausdruck, und dies auf kleinstem Raum. Sie entfalten spätromantischen Zauber und eine ganz eigene, subtile Klangerotik – ähnlich Alban Berg und Arnold Schönberg. Mal wird die Stimme (mit leuchtendem Sopran: Daniela Vega) nur zart flankiert, mal gibt sich das Klavier (Hsu-Chen Su) geheimnisvoll, öffnet Räume, umflort die Gesanglinie, die stellenweise in einem impulsiven Sprechgesang endet.
Eine dynamische Bewegung, mit Motiven, die in den Diskant hineinflackern, und mit Akkorden, die eindringlich das eben Gespielte in Frage stellen – das ereignet sich im ebenfalls kurzen „Fünften Klavierstück“( gespielt von Ulrike Meyer).
Danach zeigen wiederum die „Herbstaquarelle“ (nach Texten von Gottlob Haag), wie nahe Peter-Michael Riehm der Lyrik stand, wie nahe auch der menschlichen Stimme: Für seine Frau Ursula schrieb er diese Lieder, und die Technik des Aquarells setzt er gewissermaßen in Töne um: Leicht hingeworfen wirken die Vertonungen, zart leuchtend; und nur dort, wo der Herbstregen peitscht und der Wind zum „Judas“ der Chrysanthemen wird - dort klingt die Musik dunkel und gefährlich (ausdrucksstark: Bariton Andreas Beinhauer). Das Klavier (Rita Klose) ist oftmals das Bindeglied, ein bewegendes Element zwischen den Noten der Gesangsstimme. Im „Streichquartettsatz mit Stimme“ – Riehm schrieb es kurz vor seinem Tod nach einem Text von Paul Celan – erscheint wiederum der Gesang (Ena Maria Aldecoa, Sopran) wie eine versöhnliche Geste, sie senkt sich leise in den zunächst harschen Streicherklang (Martin Emmerich und Julian Fahrner, Violinen, Silas Zschocke, Viola, Clara Grünwald, Violoncello).
Das Streichseptett (zusätzlich mit Taejun Park, Violine, Julian Bachmann, Violoncello und Paul Cervenec, Kontrabass) gehört fraglos zu den Höhepunkten des Abends. Es ist einfach mitreißend, wie sich hier Motive langsam nach oben schrauben, abdriften, von Stimme zu Stimme gereicht werden und dabei einen reizvollen Farbzauber entfalten. Wie sie leise lauern, abrupt abgerissen werden oder chamäleonartig changieren und sich schwebend entfalten: Peter-Michael Riehms Werke müssten öfter aufgeführt werden.
(Foto: privat)
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