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07.11.11
Gilda in der Puppenstube
Fragwürdige "Rigoletto"-Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe/ musikalisch jedoch überzeugend
Von Christine Gehringer
Es ist ein Stoff, nach dem sich jeder Regisseur eigentlich die Finger lecken müsste: Ein Mensch, zermürbt von herben Schicksalsschlägen (einschließlich einer körperlichen Behinderung) und über den Hohn der Gesellschaft zum Zyniker geworden, hütet seine Tochter - offensichtlich das einzig Schöne, Unschuldige, Gute in seinem Leben - wie seinen Augapfel. Doch er behütet sie krampfhaft, voller Angst und Misstrauen, denn er möchte alles Unheil von ihr fernhalten; er kerkert sie ein im Gefängnis seiner Angst und beschwört tragischerweise dadurch das Unheil erst herauf.
In ihrer Unerfahrenheit ist Rigolettos Tochter Gilda dem leichtlebigen Herzog von Mantua (und ihren eigenen schwärmerisch-naiven Gefühlen) so schutzlos ausgeliefert, dass sie sich am Ende für den Geliebten opfert.
"Rigoletto", eine der meistgespielten Verdi-Opern, ist reich an psychologischer Dichte, an archetypischen Figuren - und gerade deshalb so zeitlos aktuell. Umso erstaunter ist man über die ernüchternde Plattheit, mit der manche Regisseure dieses Werk darstellen.
Man hat Gilda schon in Ketten auf der Bühne sitzen sehen, ferngesteuert in einem Käfig: Ganz offensichtlich scheint gerade die archetypische Klarheit immer wieder zur plumpen Banalität zu verleiten, anders kann man sich solche Regie-Unfälle nicht erklären.
Der jüngste ereignete sich nun am Badischen Staatstheater Karlsruhe: Jim Lucassens "Rigoletto" fiel beim Publikum gnadenlos durch (schon zur Pause gibt es lautstarke Proteste), und dies völlig zu Recht.
Eine starre, nur durch Stoff-Lamellen aufgefächerte Wand begrenzt drei Akte lang die Bühne, doch diese merkwürdige Kulisse ist mitnichten als jener "schutzlose Seelenraum" erkennbar, den der Regisseur hier offensichtlich angedacht hat. Dafür wirkt die gesamte Ausstattung (Jeroen van Eck, Anja Koch-Kenk, Matthias Wulst) viel zu real-nüchtern; die betont unauffällige, ja geradezu spießige Kleidung der Hofgesellschaft (Hemd, Hose, Pullunder) erinnert zudem an grauen Büro-Alltag.
In diesen Alltag der Herren treten plötzlich - ganz offensichtlich zur allgemeinen Ergötzung und deshalb ausgestellt wie ein einem Schaukasten - die Frauen in glitzernden Ballonkleidchen; in denselben Schaukasten (schafft sich hier etwa Rigoletto ein illusionäres Tochter-Bild?) wird später auch Gilda gezwängt: brav, mit Zöpfen, umgeben von Plüschtieren, von der Amme gefüttert im Kinderbettchen. Das erste Duett zwischen Gilda und Rigoletto gerät zum trotzig-pubertären Vater-Tochter-Kampf.
Beim Auftragsmörder Sparafucile und seiner Schwester, der Prostituierten Maddalena (zwei Wesen also, denen kein Geschäft zu schmutzig ist), fiel Lucassen offensichtlich nichts Besseres ein als Reinigungskräfte, die in zünftigen Kitteln und mit Gummihandschuhen tatkräftig über die Bühne schrubben.
Völlig unpassend ist schließlich auch Rigolettos Gewandung: Im schillernden Jackett umgibt ihn der Hauch des Dandyhaften; man könnte ihn ebenso gut für den Herzog halten. Als sich im Lauf der Handlung nach und nach die Brüche dieser Figur auftun, ist man noch geneigt, dies als überzeichnete Fassade zu deuten - als eine Fassade, hinter der Rigoletto (ebenso wie hinter seinem Zynismus) seine ganze Verletzlichkeit verbirgt.
Doch erstens wird dieses Konzept nicht durchgehalten (zumindest nicht als dynamisches, entwicklungsfähiges Element), und zweitens taucht eine derart subtile Ausleuchtung ansonsten in der ganzen Oper nicht auf.
Insgesamt ergibt sich bei dieser Inszenierung also lediglich ein Konglomerat an Einzel-Szenen, die den Zuschauer mehrfach mit Kopfschütteln zurücklassen.
Musikalisch wurde man jedoch für vieles entschädigt. Unter der Leitung von Johannes Willig - seit dieser Saison erster Kapellmeister am Badischen Staatstheater - spielte die Badische Staatskapelle markant und spritzig; auch der Chor (Ulrich Wagner) und das Solistenensemble überzeugte durchweg. Da wäre zunächst Andrea Shin als Herzog von Mantua: So leicht und selbstverständlich, wie sich der Lebemann eine Frau nach der anderen nimmt - so selbstverständlich durchläuft auch die Stimme des Koreaners sämtliche Register. Da werden keine Spitzentöne mal eben noch herausgewuchtet, hier scheint sich vielmehr in der Höhe noch ein zusätzliches Farbregister aufzutun; alles klingt kraftvoll, aber nicht nach Kraft-Akt. Rigolettos klammernde Angst, sein ständiges Hadern, seine Verbitterung und Wut gegenüber einer Gesellschaft, der er die Schuld gibt am eigenen Schicksal - all das kommt in dem profilstarken, abgründigen Bariton von Jaco Venter sehr glaubhaft zum Ausdruck. Geradezu eine Idealbesetzung als Gilda ist daneben der zierliche, mädchenhafte Typ von Ina Schlingensiepen, hinzu kommt ihr schlanker Sopran mit seiner ausgeprägten Helligkeit.
Nach außen geschäftsmäßig nüchtern, aber mit einer regelrecht dämonischen Ausstrahlung - so verkörpert Konstantin Gorny die Figur des Sparafucile und wird dafür vom Premierenpublikum ebenso lautstark gefeiert wie die Protagonisten. An seiner Seite agiert Stefanie Schäfer als selbstbewusste Maddalena, die sich zudem klangschön ins Quartett einfügt, während Edward Gauntt - in seiner kleinen Rolle als Monterone - überzeugend das Bild eines harten, aber ebenso (wie Rigoletto) verbitterten Patriarchen zeichnet.
(Fotos: Jochen Klenk)
nächste Aufführungen: 12.11., 18.11.
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