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09.11.11
Rasantes Spiel und Hörgenuss
Institut für Musiktheater Karlsruhe bringt Verdis "Falstaff" auf die Bühne
Von Christine Gehringer
Wehe, wenn männliche Großspurigkeit (die man noch dazu so selbstgefällig vor sich herträgt wie die eigene Leibesfülle) auf geballte Frauenpower trifft. Dann kann es passieren, dass man sich gehörig in den von weiblicher List gesponnenen Fäden verheddert und am Ende wie ein rechter Dorftrottel dasteht.
Genau das passiert dem gefallenen Ritter John Falstaff in Verdis gleichnamiger musikalischer Komödie - aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Falstaff - wegen Unmündigkeit aus dem Ritterstand heraus und beim König in Ungnade gefallen - pfeift auf den Ehrbegriff. Dieser nützt nämlich gar nichts - er macht weder satt, noch bringt er sonst einen praktischen Nutzen. Da bleibt man lieber durchweg "authentisch" und bewahrt sich wenigstens auf diese Weise seine Würde, egal, welches Spiel die anderen gerade treiben.
Im Grunde ist dieser Falstaff eine faszinierende Figur; er entwickelt in seiner satten Trägheit eine erstaunliche Dynamik. Zwar tapst er immer auf dieselbe schwerfällige Art und Weise durch die Szenen, doch er verschafft sich damit einen gehörigen Respekt (bis hin zur Eifersucht der Männer, die um ihre Frauen bangen müssen). Eben diese Frauen fordert er zu den raffiniertesten Tricks heraus, stößt dabei eine weitreichende Verkleidungs- und Verwechslungskomödie an, und nur im Schutz der Masken - als Waldgeister und Feen - fühlt sich Falstaffs Umgebung schließlich gerüstet zur kollektiven Anklage.
Doch hier zeigt es sich, dass diese Maskerade für so manchen zum Eigentor wird - und am Ende ist es doch wiederum Falstaff selbst, der erkennt: "Die ganze Welt ist ein Witz."
Diese zündende Komödie ist ein dankbarer Stoff für eine Opernproduktion des Instituts für Musiktheater - dies aber vor allem, weil die Musikhochschule Karlsruhe hier offensichtlich aus dem Vollen schöpfen kann, was ihre Darsteller angeht, und so ging die Oper im Konzerthaus entsprechend temporeich über die Bühne.
Regisseurin Andrea Raabe erzeugt diese lebendigen Bilder vor allem mit einem dynamischen und gewitzten Spiel; hierin steckt die gesamte Farbigkeit - dahinter dürfen dann die Kostüme (Julia Schnittger) ruhig zurücktreten; bis auf Falstaff sind allesamt weiß gekleidet, und ganz abgesehen davon ist dieses kollektive Weiß auch eine Chiffre für die breite bürgerliche Masse mit all ihren Normen und Ordnungen.
Auch die Kulisse (Bühne, Licht, Video: Thomas Dinslage) konzentriert sich aufs Wesentliche; mal entfalten sich die Szenen vor einer Gartenbank, mal vor (oder auf) einem Sofa nebst spanischer Wand, wo Lautenmusik zum Schäferstündchen auf dem Grammophon scheppert. Projektionen im Hintergrund verstärken das Spiel auf der Bühne; nur die Meerwasser-Impressionen im zweiten Akt wirken etwas unpassend - so, als wollte man die Szene irgendwie mit bewegten Bildern füllen.
Grandios besetzt ist die Titelpartie mit Insu Hwang: Der Bariton des Koreaners, der das Finale des diesjährigen "Concours Reine Elisabeth" in Brüssel erreichte, zeigt nicht nur eine beeindruckend kraftvolle Tiefe, sondern seine Falstaff-Figur wirkt auchgeradezu wie der Inbegriff eines nach außen Furcht einflößenden, buchstäblich dick auftragenden Selbstdarstellers.
Als listige Damen Ford, Page und Quickly ergänzen sich - selbstbewusst und überzeugend - Simone Hirsch, Felicitas Brunke und Rebecca Susanne Raffell. Letztere sticht aus diesem Trio heraus, und das verwundert nicht, denn als Ensemble-Mitglied des Badischen Staatstheaters hat sie ihren jungen Kolleginnen einges an Erfahrung voraus. Für eine erkrankte Studentin ist sie kurzfristig eingesprungen - und sie spielt eine fulminante Mrs. Quickly: Königlich amüsiert man sich, wenn sie Falstaff ihre "Ehrerbietung" erweist und dabei frivol an ihrem Rocksaum zupft, und wenn sie bei ihren Falstaff-Imitationen ihre Stimme ins gefährlich dunkle Brustregister wuchtet.
Komödiantisches Talent beweisen Seon-Gyung Hwang und Florian Kontschak als Diener-Gespann Bardolfo und Pistola; durchweg überzeugend auch Manos-Hadi Kia als betrogener Ford, Nando Zickgraf als spießbürgerlicher Dr. Cajus, daneben Kai Kluge als Wirt und schließlich die kleine Annaluna Raabe als Page.
Ein adrettes Liebespärchen geben Nannetta (Lydia Juliana Leitner) und Fenton (Andrey Nevyantsev) ab; für sie regnet es buchstäblich rote Rosen, sie sind die schwelgerischen Ruheinseln in dieser rasanten Komödie und schweben zeitweise im Himmelbett auf die Bühne. Stimmlich ist vor allem Andrey Nevyantsev hervorzuheben: Herrlich weich und mit strömender Lyrik entfaltet sich sein Tenor; ein großes Kompliment gebührt auch Lydia Juliana Leitner für ihr "Feenlied" (begleitet von einem klangschönen Chor) , das die Sopranistin leicht, souverän und ausgewogen singt, was angesichts ihrer Position (am Seil hängend schwebt sie elfengleich auf die Bühne) nicht einfach sein dürfte.
Ein echter Hörgenuss ist auch das Orchester der Musikhochschule unter der Leitung von Alicja Mounk. Eloquent verbindet der Klangkörper Szenen und Dialoge, er dramatisiert und ironisiert, und er bereitet Fenton und Nannetta den sprichwörtlichen Himmel voller Geigen.
(Fotos: Musikhochschule Karlsruhe)
Nächste Aufführungen: 15.11., 20.11., 22.11., jeweils um 19.30 Uhr im Konzerthaus Karlsruhe
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