12.11.11
Stadtfelds Wachsfigurenkabinett
Die seltsame Annäherung des Jung-Pianisten an Liszts h-moll-Sonate

Von Christine Gehringer

Man ahnte es bereits in Bachs c-moll-Fantasie (BWV 906): Dieser Klavierabend mit Martin Stadtfeld sollte sämtliche Erwartungen und Hörgewohnheiten bis auf Äußerste herausfordern.
Schwarz gekleidet und mit streng zurückgekämmtem Haar betritt der gefeierte Jung-Pianist die Bühne des Festspielhauses – und kommt gleich zur Sache: Der Anschlag fast provozierend hart, die Linien mechanisch, als hätte er sie zuvor mit dem Zirkel gezogen; im Hintergrund läuft stets – wie das Ticken der Uhr – ein unerbittlicher Pulsschlag.

Martin StadtfeldÄhnlich wie sein eigenwilliger Kollege Olli Mustonen scheint dieser extravagante Künstler, an dessen kühnen Interpretationen sich die Geister scheiden, in erster Linie auf Schwarz-Weiß-Kontraste zu setzen.
Tauchen in der anschließenden h-moll-Sonate von Franz Liszt eigentlich lebendige, wandelbare thematische Charaktere auf – bei Martin Stadtfeld erstarren sie alle zum Wachsfigurenkabinett.
Im Grunde durchlaufen diese Themen eine Art Metamorphose, doch davon ist hier nichts zu hören. Noch nicht einmal das kantable Seitenthema (unter dessen Eindruck sich eigentlich auch die anfängliche Sprengkraft wandeln sollte) grenzt sich ab von der schicksalhaften Düsternis. Seltsam marionettenhaft klingt es; immer noch voll entschlossener Energie, lediglich in der Vorwärtsbewegung ermattet.

In der anschließenden Durchführung stürzt die Sonate völlig ins Bodenlose. Gefährlich donnernd wird hier alles zerhackt; über jedem Takt scheint  – in geradezu plakativer Drohgebärde - das Damoklesschwert des Hammerschlag-Motivs zu schweben. Das „Grandioso“-Thema ist ebenso wenig wahrnehmbar wie alles andere; das „Andante sostenuto“, das eigentlich zart dahinströmen sollte, wirkt seltsam statisch, gläsern, blutleer – wie Martin Stadtfeld überhaupt die sanglichen Passagen einfach anhält, als stünde hier die Zeit still; es scheint, als verwende er die Zeitlupen-Technik gar als Kunstgriff.
Insgesamt fühlt man sich einigermaßen haltlos in dieser Sonate - aber vielleicht ist das ja auch nur Stadtfelds Art, den Mephisto-Charakter, das „Diabolische“ dieses Werks  herauszuarbeiten? Indem er alles ins Chaos stürzt, sodass nichts mehr voneinander unterschieden werden kann?
Doch all das kommt beim Publikum offensichtlich bestens an: Stadtfeld wird am Ende mit Bravos geradezu überschüttet.

Auch die Liszt-Bearbeitungen des zweiten Teils (die Paraphrase über Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre, die Variationen über Bachs „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ und das „Crucifixus“ der h-moll-Messe) gestaltet Martin Stadtfeld im Wesentlichen immer auf dieselbe Art und Weise: Schwer, ja verbissen werden bisweilen die Themen herangewuchtet, sie münden oft in wilde Raserei; aus den ruhigen, verinnerlichten Passagen hingegen ist jeder Atemfluss herausgenommen. Technisch ist nicht immer alles auf höchstem Niveau: Unter dem Kraftakt des gehämmerten Anschlags eckt so manches Motiv, schleichen sich kleinere Unsauberheiten ein.
Die leisen, verschatteten Klänge (in den Bach-Variationen) stehen geradezu im Raum – umso drängender, umso erhitzter bricht anschließend die gesamte Energie heraus.

Immerhin: Am Ende lässt Martin Stadtfeld dann doch noch aufhorchen. In „Isoldes Liebestod“ kommt nun endlich so etwas wie feine Differenzierungskunst zum Vorschein, hier vernimmt man einen weichen Fluss, ein sanftes Drängen, stellenweise einen geradezu anrührend leidenschaftlichen Gesang. Hier leuchtet – nach dem ewigen, kalten Schwarz-Weiß – nun auch ein warmer Goldton auf. In einem kaum wahrnehmbaren Pianissimo verhaucht schließlich das Werk, und diesen reizvollen Schimmer nimmt Stadtfeld auch in Schumanns „Mondnacht“ hinein, die er (neben Bachs „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“) als Zugabe spielt.
(Foto: PR)

auch erschienen im Badischen Tagblatt, 12.11.11



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