14.11.11
Unermüdlich im Dienste Bachs
Helmuth Rilling erhält Herbert von Karajan Musikpreis im Festspielhaus Baden-Baden/ Erwin Teufel hält Laudatio

Von Christine Gehringer

Das hat es im Festspielhaus Baden-Baden noch nicht gegeben: Ein Künstler, der mit dem Herbert von Karajan Musikpreis ausgezeichnet wird und gleichzeitig die Zuhörer auf sämtlichen Rängen gemeinsam mit den Musikern auf der Bühne zum Singen bringt.
Dem Dirigenten und Pädagogen Helmuth Rilling gelang das. Seine beiden Ensembles, die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart, hatten diese Überraschung vorbereitet; ein Sänger übernahm das Dirigat - und gemeinsam bedachte man den Geehrten mit Bachs Choral "Nun danket alle Gott".
Helmuth Rillings Engagement als Bach-Botschafter; die Verbindung, welche die Musik des barocken Meisters unter den Menschen schafft - an diesem Abend blieb das nicht nur der Wortlaut allgemeiner Würdigungen, sondern wurde prompt in die Tat umgesetzt und war somit einer der feierlichsten Momente dieser Preisverleihung.

Horst Weitzmann, Vorsitzender der Kulturstiftung Festspielhaus, blickte in einer humorvollen Ansprache auf Helmuth Rillings Auftritte in Baden-Baden zurück - besonders auf ein Konzert, das als "Brahms, Rilling und die Bratäpfel" in die Geschichte des Festspielhauses einging, weil es an diesem Abend zwar reichlich Bratäpfel gab, aber der eigentliche Catering-Service offenbar den Termin versäumt hatte.

Helmuth Rilling (Mitte) erhält Herbert von Karajan Musikpreis im Festspielhaus Baden-Baden; Erwin Teufel (links) hält LaudatioAls "Verkündigung" bezeichnete schließlich Baden-Württembergs ehemaliger Ministerpräsident Erwin Teufel im Rahmen seiner Laudatio die Musik des inzwischen 78jährigen Stuttgarters, und er konstatierte außerdem: "Großes entsteht, wenn ein Mann seine Aufgabe findet und eine Aufgabe ihren Mann".
Rillings Aufgabe war und ist es, die Musik Bachs möglichst vielen Menschen rund um den Globus zu erschließen. 1954 gründete er gemeinsam mit Freunden die längst weltweit bekannte Gächinger Kantorei, 1965 kam das Bach-Collegium Stuttgart als instrumentaler Partner hinzu, und seit 1981 bündelt die Internationale Bach-Akademie in Stuttgart die zahlreichen Aktivitäten im Dienste der Musikvermittlung und der Arbeit mit jungen Musikern.
Darüber hinaus ist Helmuth Rilling nicht nur ein weltweit gefragter Gastdirigent, sondern auch künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Oregon Bach Festivals (aus den USA war deshalb extra eine Delegation nach Baden-Baden gereist.)

Gerade sind die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart von einer China-Reise zurückgekehrt, und in Japan rekonstruierte Rilling einst einen Gottesdienst, wie er zur Zeit Bachs mit dessen Musik hätte ablaufen können: "Bach", so sagt Rilling, "gehört allen Menschen".
Bereits 1984 gastierte er mit seinen Ensembles in der überfüllten Gethsemane-Kirche in Ost-Berlin, und in Moskau hielt Rilling einst Kurse für die Studierenden des Tschaikowksy-Konservatoriums. Es war ihm immer auch ein Anliegen, diese Art der Verkündigung gerade in solche Länder zu tragen, in denen die gesellschaftlichen Bedingungen keinen guten Nährboden dafür schufen. So erzählt Rilling in seiner Dankesrede mit bewegenden Worten, dass er noch heute von einzelnen russischen Musikern auf jene Zeit angesprochen werde: Dies sei Teil der politischen Wende gewesen, zitiert Rilling; die Musik Bachs habe aus ihnen andere Menschen gemacht.

Entsprechend dieses weitläufigen Engagements kommt auch das Preisgeld von 50 000 Euro (welches zweckgebunden ist an die Nachwuchs-Förderung) verschiedenen Projekten zu Gute: einer Meisterklasse für junge Dirigenten im Rahmen des Oregon Bach Festivals, dem Jungen Stuttgarter Bach-Ensemble (das aus der Bach-Akademie hervorgegangen ist) und schließlich dem Kammermusikfestival Hohenstaufen, das Rillings Tochter Rahel gegründet hat und das jedes Jahr im Herbst junge internationale Künstler zum Musizieren im Ensemble zusammenbringt.

Ein beredtes Zeugnis der erwähnten "Verkündigung" aber waren erwartungsgemäß die Gächinger Kantorei und das Stuttgarter Bach-Collegium: Ein weicher, schlanker, aber keineswegs knabenhafter Chorklang, dazu ein lebhaft deklamierendes Instrumental-Ensemble - so wurden sie zu mahnenden Rufern in Bachs Kantate "Wachet, betet, betet, wachet" (BWV 70) oder ließen die Musik feierlich dahinströmen.
Dass als zweites Werk Mozarts Requiem in der Ergänzung von Robert D. Levin (1991) auf dem Programm stand, ist ebenso bezeichnend für die Arbeit Helmuth Rillings: Neben Bach gehört sein Engagement auch zahlreichen Urauffürungen und Raritäten.
Dieses Mozart-Requiem war schlichtweg ergreifend schön, vor allem aber war es tiefsinnig musiziert: Endlich einmal rauschte man nicht rasant durch die Koloraturstrecken ("Kyrie eleison", "Cum sanctis tuis"), sondern formulierte andachtsvoll und hob gerade dadurch die Schönheit der Chorsätze hervor. Endlich einmal wurde man vom "Confutatis" nicht erschlagen - und trotzdem war man ergriffen angesichts der herben Strenge.
Mit schlanken Stimmen und dramatischer Ausdruckskraft fügten sich schließlich Kirsten Blaise (Sopran), Kismara Pessatti (Alt), Dominik Wortig (Tenor) und Klemens Sander (Bass) in das gesamte Ensemble ein.
Man verneigt sich vor einem großen Musik-Vermittler.
(Foto: Thomas Viering)

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