17.11.11
Leidenschaftliche Ruhe, stoische Bewegung
Das Duo Julian Steckel und Paul Rivinius begeisterte im Stephansaal Karlsruhe

Von Christine Gehringer

Es war nicht anders zu erwarten: Einen großartigen Eindruck hinterließen im Karlsruher Stephansaal der junge Cellist Julian Steckel, Gewinner des letztjährigen ARD-Wettbewerbs, und sein Duo-Partner Paul Rivinius, der zu den herausragendsten Klavierbegleitern unserer Tage zählt.
Was schufen sie für einen Bilderbogen: Hier wurde energisch gekämpft und leidenschaftlich gesungen - und das alles in einem schier unerschöpflichen Klangfarbenspektrum.

Gleich der Beginn - Débussys Sonate d-moll - ist eine Herausforderung für den Zuhörer, so rasch kommen hier die Stimmungsumschwünge. Der Komponist schrieb dieses Werk unter dem Eindruck seiner todbringenden Krankheit - und selbst dann, wenn man das nicht weiß, eröffnet sich sofort das Bild des Sich-Auflehnens gegen ein unabänderliches Schicksal: Harte und wütende Energieschübe brechen hier plötzlich hervor; danach sinkt die Musik kraftlos in sich zusammen. Das Cello fällt in eine monotone Bewegung und anschließend in ein müdes Klagen, doch die kleinste Regung des Klaviers (und hier zeigt es sich, wie großartig die beiden aufeinander eingespielt sind) weckt sofort wieder dieses innere Brodeln, bis das Werk schließlich abrupt abreißt.

Julian Steckel und Paul Rivinius im Stephansaal Karlsruhe Nach und nach entfalten sich die wunderbaren Ausdrucksmöglichkeiten dieses jungen Cellisten. Julian Steckel schafft Charaktere mit seinen Klangfarben; er umschreibt Emotionen, ohne dabei sentimental oder theatralisch zu werden.
Franz Liszts Trauergondel, "La Lugubre gondola" (dieses ursprüngliche Klavierwerk liegt auch in Streicher-Fassungen vor), steuert Julian Steckel ruhig, aber leidenschaftlich singend durch die Wellenbewegungen. Julian Steckel gelingt genau an dieser Stelle jene reizvolle Spannung zwischen einem leisen, fahl-schimmernden Klang und einer inneren Leidenschaft.
Dasselbe gilt für die Liszt-Elegie "Die Zelle in Nonnenwerth".
Mögen Umschreibungen wie beispielsweise ein "drängendes, nachdrückliches Schweben" auch zunächst widersprüchlich erscheinen - beim Spiel von Julian Steckel sind sie das nicht. Denn er vereint genau diese Gegensätze, und hinzu kommt ein weiterer Spannungszug: Paul Rivinius bleibt mit seinen bewegten Figuren in einer geradezu stoischen Ruhe, gibt dem Werk Form und Festigkeit, während Steckel - aus dem Strömen der kantablen Linie heraus - einen Sog, einen Vorwärtsdrang schafft. Der wolkig schimmernde, sanft zurück genommene Ton ganz am Ende ist hier lediglich noch eine Zugabe.
Dieser erste Teil endet mit einem Brückenschlag zum Beginn des Programms, denn auch die c-moll-Sonate von Camille Saint-Saens klingt kämpferisch, bisweilen ruppig und zugespitzt - nur der Choral des zweiten Satzes, ursprünglich aus einer Orgelimprovisation hervorgegangen, hellt die Szene auf: Feierlich und federleicht zugleich klingt er in seiner filigranen Durchsichtigkeit.

Doch selbst von dieser Stelle aus ist noch eine weitere Steigerung möglich. Denn auch in der e-moll-Sonate op. 38 von Johannes Brahms zeigt Julian Steckel seine Legato-Qualitäten: Eine weitschweifende Bewegung eröffnet den ersten Satz, doch Steckel macht nicht viel Aufhebens darum. Er lässt die Melodie schlicht strömen - aber man spürt sehr deutlich einen inneren Drang; selbst dort, wo die Bewegung beinahe völlig herausgenommen ist. Die anschließende Unruhe kommt wuchtig, mit großer Tragweite, und nur die feinen Dialoge dazwischen halten sie auf - doch die Erdenschwere schwingt selbst im grazilen Allegretto mit.
Nach dem strengen Fugato des dritten Satzes beenden die beiden das Werk mit einer kühnen, ja fast wütenden Entschlossenheit. Die Zuhörer sind begeistert.

Eine nonchalante Handbewegung fegt die Musik am Ende der ersten Zugabe geradezu hinweg: Das salonhafte, humorvolle "Ballabile" aus Poulencs Cello-Sonate zündet sofort, und Rachmaninows "Vocalise" (ein populäres Zugabenstück) kostet anschließend nochmals alle sanglichen Qualitäten aus.
(Foto: Thomas Viering)

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