21.11.11
Zwischen Idyll und Ideologie
Die Trompeterin Alison Balsom und die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern im Konzerthaus Karlsruhe

Von Christine Gehringer

„Spannende Gegensätze“ – so lautete der Titel des zweiten Karlsruher Meisterkonzerts – gab es im Konzerthaus gleich in mehrfacher Hinsicht: Wagners „Siegfried-Idyll“, Hummels Trompetenkonzert und schließlich die fünfte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch entstammen nicht nur unterschiedlichen Epochen, sondern auch völlig unterschiedlichen Sphären.

Das „Siegfried-Idyll“ ist ein Geburtstagsständchen von Richard Wagner an seine Cosima -  das genaue Gegenteil, nämlich politisch motiviert und fern jeden Idylls, ist hingegen die fünfte Sinfonie d-moll von Schostakowitsch. Im Grunde ist sie sogar ein Produkt der Angst, denn kurze Zeit zuvor war in der Zeitung „Prawda“ ein vernichtender Artikel über seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ erschienen, und von da an fürchtete Schostakowitsch, er könnte der „Säuberung“ Stalins zum Opfer fallen.
Mit der fünften Sinfonie nun erhielt er die Möglichkeit zur Rehabilitierung, und dementsprechend trägt sie den Untertitel „die praktische schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf eine berechtigte Kritik“.
Doch Schostakowitsch stellte klar, dass die Unterwerfung erzwungen sei  – ähnlich wie in der Oper „Boris Godunow“: „So, als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange: ‚Jubeln sollt ihr, jubeln sollt ihr'. Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten.“
So klingt auch die Sinfonie: Sie scheint unter einer schweren Last zu ächzen; stellenweise blitzt der für den Komponisten typische grimmige Humor, die ironische Verzerrung, durch.

Ganz anders das Es-Dur-Konzert (original: E-Dur) von Johann Nepomuk Hummel. Dieses Virtuosenstück hatte im Jahr 1803 der Wiener Trompeter Anton Weidinger in Auftrag gegeben, der damit seine selbst entwickelte Klappentrompete auf den Konzertpodien präsentieren wollte. Bis dahin hatten nämlich die Naturtöne, die allgemein auf der Trompete (zumindest in der mittleren und tieferen Lage) spielbar waren, nur begrenzte Möglichkeiten zugelassen. Doch Weidingers zusätzliche Löcher und Klappen füllten die Skala – und so ist es nicht verwunderlich, dass das Hummel-Konzert keine Finesse auslässt.

Alison Balsom im Konzerthaus KarlsruheDie britische Trompeterin Alison Balsom war hierfür genau die Richtige. Einmal mehr zeigte die vielseitige Künstlerin (sie beherrscht sowohl die moderne als auch die barocke Trompete), weshalb sie zu den populärsten Virtuosen auf diesem Instrument gehört: Alison Balsom besticht mit punktgenauen Läufen, vor allem aber mit einer eindrucksvollen Phrasierung.
Sie nimmt die Bögen buchstäblich unter einen einzigen Atem (was besonders dem „Andante“ zu Gute kam), sie hält die Töne geschmeidig und formbar, wechselt mitten im Motiv Klangfarbe und Lautstärke. Federleicht hüpft sie über die Tonrepetitionen im dritten Satz, entschlossen schraubt sie am Ende die chromatischen Trillerketten in die Höhe.
Ganz dem Programmtitel entsprechend kam mit der Zugabe ein völliger Kontrast: Hier begeisterte die Solistin in einem feurigen Arrangement von Astor Piazzollas „Libertango“.

Auch die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern überzeugte unter der Leitung des finnischen Dirigenten Pietari Inkinen. Wagners „Siegfried-Idyll“ entwickelte sich aus einer vollkommenen Ruhe heraus; in der Sinfonie Nr. 5 von Dmitri Schostakowitsch hob Inkinen dann die schroffen, unerbittlichen Züge markant hervor: Oft dominierten die grellen Orchesterfarben.
Die wütend dreinfahrenden Gesten (vor allem im ersten Satz) wirken wie ein Aufschrei, die Blechbläser wie groteske Masken, und selbst die zarteren Töne klingen in erster Linie nach Resignation.
Schwer, wie eine Anklage, wirkt das „Largo“ (berückend schön sind hier die fahlen Streicher-Tremoli und die elegischen Holzbläser); im Finale hingegen entfacht Inkinen dann einen regelrechten Flächenbrand. Große Begeisterung – zu Recht!
(Foto: Thomas Viering)


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