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26.11.11
Feuer, Grazie und der "Groove" von Strawinksy
Das Apollon Musagète Quartett sorgte im Bruchsaler Schloss für eine Sternstunde der Kammermusik
Von Christine Gehringer
Diese vier Musiker sprengen jeden Rahmen - und das nicht nur, weil sie als klassisches Streichquartett unter anderem auch mit der amerikanischen Sängerin und Songschreiberin Tori Amos auf Tournee gehen.
Nein, sie tun es bereits in dem Moment, da sie die Bühne betreten: Denn das Apollon Musagète Quartett, das erst seit vier Jahren zusammen spielt und dennoch bereits die Konzertpodien der Welt im Sturm erobert, spielt im Stehen - und man ist geneigt zu sagen, dass sich das auch auf den Klang auswirkt. Ganzkörper-Musik ist das; Phrasen, die aus großen Bewegungen entstehen, die mit jedem Muskel erspürt werden, und dennoch (oft durch ein temperamentvolles Stampfen begleitet) auf dem Boden fest verwurzelt sind.
So sorgten Pawel Zalejski, Bartocz Zachlod (Violinen), Piotr Szumiel (Viola) und Piotr Skweres (Violoncello) auch im Schloss Bruchsal für eine Sternstunde der Kammermusik. Die Hauptthemen in Tschaikowskys Streichquartett op. 11 werden von ihnen förmlich durch das "Moderato e semplice" getragen: Leicht und luftig schweben sie zwischen den erregten Figuren; hier hält der Satz immer wieder inne, und man hat den Eindruck: So und nicht anders muss diese Musik klingen. Man hat schon Interpretationen gehört, bei denen sich diese Themen allzu rasch in einer gewissen Gleichförmigkeit erschöpften.
Diese Gefahr besteht beim Apollon Musagète Quartett zu keinem Zeitpunkt. Dafür sind die vier jungen Polen viel zu wach, viel zu flexibel, viel zu perfekt aufeinander eingespielt. Es ist bemerkenswert, wie rasch sie Klangfarbe und Stimmung wechseln - beinahe vom Bruchteil einer Sekunde auf den nächsten. Eben noch dionynisischer Rausch, dann sofort wieder die sprichwörtliche apollinische Ordnung: Da wird das erhitzte Stimmengeflecht urplötzlich zum feinen, transparenten Klang; da löst sich hauchzart die erste Violine heraus, die sich danach wiederum so schwungvoll ins Musizierfeuer wirft, dass es nach dem ersten Satz ein spontanes Raunen im Publikum gibt. Nichts ist hier zu spüren von elitärer Kammermusik oder vornehmer Zurückhaltung; hier wird man schlicht und einfach mitgerissen.
Der zweite Satz, der einst Tolstoi zu Tränen gerührt haben soll, fließt zunächst in einem wunderbar elegischen Klangschimmer dahin; charmant und keck plaudernd (beinahe wie in einem Salonstück) präsentiert sich danach die erste Violine im anschließenden "Cantabile".
Danach dominieren die strengen und herben Rhythmen, gewissermaßen die felsenfeste Ordnung: Das "Concertino für Streichquartett" bedeutet nicht nur die Zuspitzung des Begriffes "apollinisch" - sondern es ist in jeder Hinsicht ein Brückenschlag zum Namensgeber des Ensembles: "Apollon Musagète" heißt ebenso ein Ballett aus der Feder des russischen Komponisten. In diesem "Concertino" treffen unter dem hervorstechenden Rhythmus solch eigentümliche Akkordfärbungen aufeinander, dass das ganze Stück beinahe jazzig klingt. Verstärkt wird dieser Endruck noch durch die Optik, denn vor allem der Cellist Piotr Skweres wirft sich hier vollkommen hinein in diesen Puls: Beinahe wie ein Schagzeuger sitzt er da, und man möchte fast sagen: Strawinsky "groovt".
Eine jugendliche Verliebtheit ist die Keimzelle für Mendelssohns erstes Streichquartett op. 13: Der 18jährige hatte sich in die um ein Jahr ältere Betty Pistor verliebt; sie sang im Chor der Berliner Singakademie. Aus dieser Verliebtheit ging zunächst ein Lied hervor ("Ist es wahr?"), das anschließend auch zum Motto des Streichquartetts wurde - und sollte es einen Inbegriff an musikgewordener Schwärmerei geben, dann ist es ganz gewiss der Tonfall, den das Apollon Musagète Quartet hier trifft. Denn die vier schaffen eine reizvolle Sphäre aus überbordenden Gefühlen in Verbindung mit einer dennoch ruhigen, verinnerlichten, ja fast anbetenden Haltung. Wiederum fängt danach die Musik buchstäblich Feuer unter den Händen dieser Musiker, wiederum lichtet sich der Klang zu einem sanften Flackern und verebbt schließlich im zweiten Satz in einem fahlen, entrückten Schimmer.
Gegen Ende dann ein radikaler Bruch: In die dunkelsten Klangregister stürzt das Quartett während der dramatischen Ausbrüche; hinzu kommt, dass der rezitativische Stil, dessen sich Mendelssohn hier zwischenzeitlich bedient, eher an die große Opernbühne erinnert. Hier wird leidenschaftlich deklamiert und beinahe orchestral aufgetrumpft - bis sich mit der zarten Rückblende zum Beginn des Kopfsatzes dann der Kreis schließt.
Das Publikum ist erwartungsgemäß hingerissen von diesem Auftritt. Und nun nimmt es endlich Gestalt an, das latente Bild des temperamentvollen Stehgeigers, das einem beim Anblick von Pawel Zalejski (1 .Violine) unweigerlich in den Sinn kommt. Denn mit einem Tango von Strawinsky - und mit geradezu aufreizend lasziven Glissandi - beenden die vier das Konzert.
(Foto: Hans-Peter Henecka; Proben im Schloss Bruchsal)
Zum Nachhören: Das Konzert mit dem Apollon Musagète Quartett wird am Montag, den 19.12. um 20.03 Uhr im SWR 2 Abendkonzert gesendet.
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