28.11.11
Pralles Leben und großes Theater
Ute Lemper singt Piazzolla im Festspielhaus Baden-Baden

Von Christine Gehringer

Spröde, nein scharfkantig springen diese Klänge ihre Zuhörer an. Eine schneidende Violine, dazu ein Bandoneon wie ein Schmerzensschrei. Und darüber schließlich eine Singstimme, aus der Tiefe des Körpers heraus, sehr direkt, sehr fokussiert, denn diese aggressive instrumentale Unterlage erlaubt keine sängerischen Halbherzigkeiten.
Was zunächst wie eine schlechte technische Aussteuerung, ja eine regelrechte Verzerrung klingt, passt ins Programm. Denn schnell wird klar: Ute Lemper und das Astor Piazzolla Sextett (Fernando Suarez Paz, Violine, Esteban Falabella, Gitarre, Horacio Cabarcos, Kontrabass, Nicolas Guerschberg, Klavier, Marcelo Nisinman, Bandoneon und dem Schlagzeuger Daniel Piazzolla, dem Enkel) bringen kein erotisch-laszives Tango-Klischee auf die Bühne des Baden-Badener Festspielhauses (das hätte auch nicht zu Ute Lemper gepasst). Nein, sie widmen sich ganz Piazzolla - dem Revolutionär, dem Vagabunden zwischen verschiedenen musikalischen Welten, der den Tango aufbricht und ausreizt; weg von der Nostalgie, hin zur Moderne mit all ihren Einflüssen.

Ute Lemper hat Piazzolla in Paris noch kennengelernt; nun, mehr als zwanzig Jahre später, bringt sie ein Programm mit seinen Tangos auf die Bühne, der Auftritt in Baden-Baden ist der Auftakt zu dieser Tour. Seit fünfzehn Jahren, so erzählt Ute Lemper, kommt sie jedes zweite Jahr in die Heimat des Tangos, und diese Erfahrung bebildert ihre Conferencen, die sie zwischen den einzelnen Stücken auf einer atmosphärischen Klavier-Unterlage serviert. Kurze Szenen entwirft sie; von den Menschen in den Armenvierteln, vom Jungen, der nachts in den Spelunken Rosen verkauft, während seine Mutter ebenfalls arbeitet - und von den Menschen, welche die Nacht herbeisehnen, um in die (zwielichtige) Welt des Tangos abzudriften und anschließend den Tag, die Realität, zu verschlafen.

Ute Lemper taumelt im Kreis und beschwört in ihrer Moderation die "Tagträumer und Vagabunden", die sich dem Sog aus großen Ansprüchen und Erwartungen widersetzen - und zieht in solchen Momenten ihr Publikum in ihren eigenen Sog aus Gefühlsrausch und Gesellschaftskritik hinein.
Immer geht es um das ganze Leben, um Glücks- und Sinnsuche, manchmal auch nur um die nackte Existenz. Zu den Texten von Horacio Ferrer hat sie englische, deutsche und französische Fassungen geschrieben, mit denen sie während des Singens virtuos jongliert.

Diese Vollblut-Bühnenkünstlerin, die in den vergangenen Jahrzehnten sämtliche Stilrichtungen zwischen Musical, Jazz und Chanson durchdrungen hat - sie bringt stets dieses ganze, pralle Leben auf die Bühne, großes Theater ist das. Diva, Vamp, Femme Fatale, jene Attribute, die man mit ihrem Namen verbindet - sie passen alle und doch wird ihr keines gerecht. Denn ganz gleich, in welche Rolle sie schlüpft, es wirkt alles pur und echt; die Ausdruckspalette ihrer Tanzschritte und Armbewegungen sind ebenso reich wie ihre stimmlichen Klangfarben: vom hell-nasalen Edith-Piaf-Timbre bis hin zur schmiegsamen, schlichten Linie oder zum bedrohlichen Brust-Ton.
Klassiker wie "La vie en rose" oder Jacques Brels "Ne me quitte pas", die ebenfalls ins Programm eingebunden sind, interpretiert sie auf ihre ganz eigene Art und bleibt dennoch dicht am Stück; es sind die kleinen Gesten, die präzise gesetzten Nuancen, die Großes bewirken: In diesem zweiten Teil wird das Klangbild insgesamt differenzierter, hier treten auch die feinen und subtilen Klänge hervor; Ute Lemper haucht, säuselt, und bleibt dabei stets glutvoll-sinnlich.

Und als sie in der allerletzten Zugabe Kurt Weills "Und derrrr Haifisch" in den Saal schnarrt, als diese Ballade schließlich zur großen Show-Nummer auftrumpft und sie ihre Musiker eloquent verabschiedet (mit gekonnten, dem Jazz entnommenen Instrument-Imitationen ) - da brodelt der Saal.
Stehende Ovationen für einen Welt-Star.
(Foto: Thomas Viering)


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