19.12.11
Vorsicht, Karikatur!
Gelungene Inszenierung von Offenbachs "Ritter Blaubart" am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Von Christine Gehringer

Ritter Blaubart, Badisches Staatstheater Karlsruhe
Dieser Mann hat mehr als nur eine Leiche im Keller. Fünf verflossene Ehefrauen hat Ritter Blaubart - so glaubt er zumindest - durch seinen Giftmischer Popolani töten und anschließend fein säuberlich präparieren lassen. Zu bestaunen sind die Damen von nun an hinter Glas (bzw. hinter einer Grabplatte).
Dieses Prozedere wiederholt sich ständig, denn Ritter Blaubart kann die Finger nicht von Frauen lassen und fühlt sich seltsamerweise dennoch im bürgerlichen Ehemodell gefangen: Will er sich neu verheiraten, muss er zuvor erst wieder Witwer werden; der Adel darf sich diese Freiheiten selbstverständlich erlauben. Dass in dieser Komödie manche Moralvorstellung, manches ursprüngliche Ideal angesichts solcher hoch explosiven Mischungen einfach ad absurdum geführt wird, macht das Ganze zu einer köstlichen Komödie und im Übrigen zu einer feinen Karikatur gewisser Gesellschaftsschichten.
Der Frauenmörder "Ritter Blaubart" aus der Märchensammlung von Charles Perrault stand Pate für Jacques Offenbachs gleichnamiges Werk - buffonesk und operettentauglich zurechtgebogen, versteht sich. Dazu passt, dass die Frauen in diesem Fall nicht ermordet, sondern von Popolani nur versteckt werden, sodass sie letztlich für einen furiosen Racheakt und damit für ein angemessenes Happy-End sorgen können.

Ritter Blaubart, Badisches Staatstheater KarlsruheHier zeigt sich, auf welch raffinierten Mitteln diese Operette beruht: Jacques Offenbach und seine Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy lassen die Gegensätze mit einer solchen Kraft aufeinander prallen, dass am Ende vor allem beißende Ironie und bisweilen derbes Musik-Kabarett übrig bleibt. Der operettenerfahrene Regisseur Aron Stiehl sorgt dafür, dass dieses Werk, das nun am Badischen Staatstheater Karlsruhe Premiere hatte, in jeder Minute zündet; die delikate, zeitbezogene Neufassung des Textes (Carsten Golbeck) tut ihr Übriges dazu. Hier hat man akribisch nach jeder Pointe gesucht und diese dann auch gekonnt abgefeuert.

Das beginnt bei einem düsteren Prolog: Noch bevor die Zuschauer ihre Plätze eingenommen haben, wird man Zeuge einer herzerweichenden Beerdigungsszene; Ehefrau Nr. 5 wird gerade zu Grabe getragen. Es gibt eine Hofgesellschaft, die offensichtlich eigens auf das Tränenvergießen abgestellt ist, eine eher gelangweilte Blondine steht am Rande, sie kennt die gesamte Prozedur offensichtlich schon. Die Szene schlägt bereits den ersten eleganten Haken, als Hochwürden - der eben noch "Lasset uns beten" in die Menge gerufen hat - plötzlich in den Orchestergraben klettert: Es ist der Dirigent Markus Bieringer.

Ritter Blaubart, Badisches Staatstheater KarlsruheDanach wirkt das ländliche Eisenbahn-Idyll (Bühne: Jürgen Kirner) mit seinen blökenden Schafen und der vor einem Alpenpanorama ständig auf- und abtuckernden Gondel umso spießiger. Zumal die Blumenfachverkäuferin "Fleurette" (eigentlich die verschollene Prinzessin Hermia) und Daphnis (eigentlich Prinz Saphir, im Nebenberuf jedoch Schäfer) ungefähr dieselbe Erotik verströmen wie Bastian Pastewka und Anke Engelke als das Gute-Laune-Pärchen Wolfgang und Anneliese. Getoppt werden die beiden nur noch von der zünftigen "Boulotte" (die phonetische Nähe zu den Hackfleischklößen ist sicher nicht ganz zufällig), die bei Daphnis nicht landen kann, weil sie allzu plump zur Sache geht. Ausgerechnet Boulotte wird nun per Los (in diesem Fall zeitgemäß per Casting-Show) zur ritterlichen Super-Jungfrau auserkoren und läutet damit die nächste Runde jener Absurditäten ein, um die Adel und Hochadel ihre Kreise ziehen.

1866 wurde die Operette am "Théatre des Variétés" in Paris uraufgeführt; doch das System der Macht scheint immer auf die gleiche Art zu funktionieren: Nach außen aufgeblasener Pomp und einschüchternder Terror (auch der König lässt morden) - und schon hat man das Volk unter Kontrolle. Da mag König Bobèche unter dem Korsett eines sinnlosen Hofprotokolls in Wahrheit eine noch so lächerliche Figur abgeben. Das ständig verrutschende, jämmerliche Krönchen (auch die Kostüme von Franziska Jacobsen sind wunderbar pointiert) erinnert zudem an den Bildhauer Peter Lenk und seine schwachen, triebbeherrschten "Machthaber" in den Händen der Konstanzer Imperia. Dass in diesem Zusammenhang der Name "Berlusconi" fällt, ist nur folgerichtig.
Den buckelnden Hofschranzen, die ihr Mäntelchen nach dem politischen Wind hängen, wird gar ein eigener Chor zugedacht (herrlich komisch agiert hier der Männerchor des Badischen Staatstheaters). Und Graf Oskar, der aalglatte Minister, der sich in diesem System gekonnt nach oben windet, outet sich gar als "Karl-Theodor zu Guttenberg". Auch Oskar lässt die fünf zum Tode verurteilten Männer lediglich verschwinden, was am Ende die "totale Hochzeit" (Originalton König) mit Blaubarts Frauen ermöglicht.

Das Kreisen um sich selbst, das Überdrehen mancher Floskeln zum platten Klischee - das zeichnet auch Offenbachs Musik aus. Ironie hörbar zu machen ist jedoch eine nicht ganz einfache Kunst, und leider agieren Markus Bieringer und die Badische Staatskapelle hier ein wenig zu blass und unaufdringlich, alsdass auch hier die Pointen zünden könnten. Ähnlich wie die soufflierende Nonne am Bühnenrand, welche ständig an die "Operette!" erinnert, müsste man hier eigentlich "Vorsicht, Karikatur!" in den Saal rufen.
Stimmlich und darstellerisch ist die Aufführung allerdings ohne Fehl und Tadel: Blaubart (klangschön: Carsten Süss) gefällt sich selbst in seinem ritterlichen Pathos, verführerisch und bauernschlau agiert indessen Boulotte (mit sinnlichem Mezzosopran: Stefanie Schaefer). Mädchenhaft, bisweilen trotzig ist Ina Schlingensiepens Blumenfachverkäuferin alias Hermia, eine Art verträumter Weltverbesserer daneben Prinz Saphir (Sebastian Kohlhepp). Den beiden Brüdern im Geiste, Popolani (Gabriel Urrutia Benet) und Graf Oskar (Armin Kolarczyk), nimmt man ihre Durchtriebenheit im politischen System ohne weiteres ab, und eine gelungene Karikatur sind ebenso Hans-Jörg Weinschenk und Sarah Alexandra Hudarew als König Bobèche und Königin Clémentine.

nächste Aufführungen: 20.12., 20 Uhr und 31.12., 19 Uhr

(Fotos: Markus Kaesler)

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