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13.01.12
Reflektierend von Note zu Note
Hanno Müller-Brachmann gibt Liederabend an der Musikhochschule Karlsruhe
Von Christine Gehringer
Seit dem Wintersemester 2011/12 ist der Bariton Hanno Müller-Brachmann Professor an der Musikhochschule Karlsruhe - und ansonsten auf großen internationalen Bühnen zu Hause. Nun war er im Rahmen der Konzertreihe des Freundeskreises in einem Liederabend mit Heine-Vertonungen zu hören - gemeinsam mit Hartmut Höll, der nicht nur Rektor der Hochschule, sondern vor allem auch ein namhafter Klavierbegleiter ist.
Sofort mitgerissen wird man von den sechs Liedern aus dem Buch "Heimkehr", die Teil des Schwanengesangs von Franz Schubert (D 957) sind - schwermütige, düstere Lieder.
Schon mit den ersten Takten ("Der Atlas") scheint sich hier ein Schicksal zu besiegeln, das Klavier fährt unerbittlich drein. Dieses Pochen, Zucken, und vor allem dieser Aufschrei in der Gesangsstimme - es durchzieht das ganze Lied. Hanno Müller-Brachmann hat eine durchschlagende Höhe, eine weite Öffnung in der Tiefe, und daneben vor allem auch lyrische Qualitäten. Diese zeigen sich vor allem in Liedern wie "Ihr Bild": Drei zaghafte Akkorde - danach leben die Musiker ganz im Augenblick. Unbewegt (und damit auch seltsam beklemmend) ist dieses Stück, und dennoch verbindet die Gesangslinie bruchlos Ton mit Ton, alles liegt frei, über jede Note wird reflektiert - so scheint es.
Die Gefühlsdichte, die Klang- und Ausdrucksdestillate, welche die Lieder ausmachen - all das wird hier wunderbar offengelegt.
Diese Kontraste kehren immer wieder im ersten Liedblock. In den ausgewählten Liedern von Johannes Brahms (beispielsweise "Der Tod, das ist die kühle Nacht", "Es schauen die Blumen", "Meerfahrt") treten wiederum andere Nuancen zu Tage; meist haben die Lieder einen ahnungsvoll-leisen Unterton, brechen dann aber auf in eine schwärmerische Geste oder eine übermütige Erregung - immer wirkt es, als würde hier plötzlich ein Vorhang aufgerissen. Den beiden Künstlern gelingt es großartig, dieses Musik stets so darzubieten, dass sie über sich hinauszuweisen scheint.
Betörend schlicht, atmosphärisch, und beinahe wie ein Märchenerzähler geht Müller-Brachmann den "Sommerabend" an, übersprudelnd schließlich "Es liebt sich so lieblich". Gewissermaßen auf der Zielgeraden trägt es den Sänger hier allerdings aus der Kurve: Eine leichte Unkonzentriertheit, doch souverän bringt Hartmut Höll den Bariton wieder in die Spur; auch im Publikum hilft man gerne aus - schließlich sind zahlreiche Sänger, Korrepetitoren und Professoren im Saal, und zwar nicht nur aus Karlsruhe.
Die Kraft der behutsamen Bilder, die hier entworfen werden, lässt auch nach der Pause im Liederkreis op. 24 von Robert Schumann nicht nach. Flüchtig das "Morgens steh ich auf und frage", und dennoch wird hier bereits ein Hauch von Trostlosigkeit deutlich, geradezu zerrüttelt "Es reißt mich hin, es reißt mich her" - bis dann mit dem dritten Lied zum ersten Mal völlige Ruhe eintritt. Das bezaubernde, sinnierende Klaviervorspiel hebt klar umrissen das Bild von einem Menschen hervor, der mit seinem Gram unter den Bäumen wandelt.
Drei Zugaben erklatschen sich die Zuhörer, bevor sie die beiden Künstler von der Bühne lassen: Schumanns "Lotusblume", "Du bist wie eine Blume", und schließlich die majestätische Ballade "Die beiden Grenadiere" - nochmals ein Höhepunkt dieses Liederabends.
(Foto: Musikhochschule Karlsruhe)
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