17.01.12
Konzentrierte Ekstase
Janina Fialkowska spielt im Schloss Bruchsal

Von Christine Gehringer

Janina Fialkowska im Schloss Bruchsal
Sogar aus Dublin war jemand gekommen - ein Bewunderer von Janina Fialkowska, der die kanadische Pianistin im Bruchsaler Schloss anscheinend unbedingt live erleben wollte. Das wollten ganz offensichtlich auch noch etliche andere, denn das Konzert war schon eine ganze Weile vorher ausverkauft: Die Künstlerin mit den polnischen Wurzeln gilt immerhin als äußerst feinsinnige Chopin- und Liszt-Interpretin.
Doch ihre Lebensgeschichte ist mindestens ebenso beeindruckend. 2002 fand man bei ihr einen bösartigen Tumor im linken Oberarm; danach konnte sie ihre Karriere nicht wie gewohnt fortsetzen, spielte stattdessen Ravels und Prokofiews "Konzerte für die linke Hand" mit ihrer rechten. Erst nach einer Muskelverpflanzung, in dieser Art erstmals durchgeführt, kehrte sie wieder in gewohnter Weise auf die Bühne zurück.

Janina Fialkowska ist eine Klangzauberin. Das zeigt sie bereits in Schuberts früher A-Dur-Sonate op. 664, ein heiteres, unbeschwertes Werk. Mit dem Pedal packt Fialkowska ihre Töne einerseits in Watte, lässt sie manchmal aquarellierend ineinander laufen. Doch diesem Umstand setzt sie so viel Entschlossenheit und einen derart kernigen Ton entgegen, dass das Spiel insgesamt gewinnt - keine Spur von Klangnebel, wie zuweilen bei anderen Pianisten.
Man lässt sich gerne hinein nehmen in diese Eleganz und Verspieltheit, die Nachdenklichkeit, in die manchmal unvermittelten Ausbrüche.

Für den Rest des Abends (der die Komponisten übrigens beziehungsreich miteinander verbindet) widmet sich Janina Fialkowska ganz ihren künstlerischen Schwerpunkten - der Musik von Liszt und Chopin.
Die "Valse caprice d' après Franz Schubert" Nr. 6 von Liszt (aus den "Soirées de Vienne") ist facettenreich im wörtlichen Sinn: Der Klang changiert, als sei in Spektralfarben zerlegt, bis zur dunklen, herben Note.

Generell schafft die Pianistin mit ihren Kontrasten eine ungeheure Spannung. In den aufgewühlten, stürmischen Passagen geht sie bis zum Äußersten, dann sieht man die ungeheure Kraft und die geballte Energie auch in ihren Gesichtszügen - doch im nächsten Moment gibt sie sich ganz dem verinnerlichten, zart-lyrischen Gesang hin.
So wird auch die "Bénédiction de Dieu dans la solitude" (Liszts Ausdruck tiefer Religiosität) zu einem ersten Höhepunkt.
Den weiten Bogen zu Beginn durchschreitet sie, umflort dies alles mit flimmernden Figuren im Diskant - an manchen Stellen klingt die Musik geradezu ätherisch, völlig versunken. Die Ekstase bricht dann so heftig heraus, dass man den Eindruck hat, hier müssten sich sämtliche Leidenschaften Bahn brechen: Fialkowska spielt kompromisslos, kennt keine Halbherzigkeiten. Das Faszinierende jedoch: Sie entwickelt all das in einer konzentrierten, ja fast introvertierten Haltung - und braucht nicht etwa eine wirkungsvolle Fassade als Beiwerk. Da stört es auch nicht, dass innerhalb eines weiten Laufes zwischendurch der eine oder andere Ton nicht anspringt.
Ein reizvolles Ineinander-Greifen von Liszt und Chopin sind schließlich die Bearbeitungen der polnischen Lieder op. 74 ("Mädchens Wunsch, "Frühling", Heimkehr"): Kokett, elegisch, stürmisch nimmt sie dieses Intermezzo.

Den Chopin-Stücken verleiht Janina Fialkowska eine energische Schubkraft, eine leicht atmende Verspieltheit. Vor allem in der sanglichen Passage der Mazurka Nr. 5 spürt man, dass sich Chopin vom italienischen Belcanto, von Komponisten wie Rossini oder Bellini beeinflussen ließ: Solche sängerischen Linien gestaltet Fialkowska bis hin zum letzten, kaum wahrnehmbaren Ton der ausgeschwungenen Phrase: Großartig!

Als sich am Ende - nach einem mitreißenden h-moll-Scherzo und zwei Zugaben, ebenfalls von Chopin - die Besucher von ihren Plätzen erhoben, so taten sie es nicht etwa, weil sie ohnehin gerade im Begriff waren zu gehen. Nein, das war ganz eindeutig eine große Geste der Bewunderung - für eine außergewöhnliche Frau.
(Foto: Hans-Peter Henecka, Probe im Schloss Bruchsal)

Zum Nachhören: Das Konzert wird am 30.01. ab 20.03 Uhr im SWR 2 "Abendkonzert" gesendet:

zurück zur Hauptseite

zurück zu "Kritik"



Links zum Thema

Bruchsaler Schlosskonzerte



PAMINA Magazin braucht Ihre Unterstützung.
Lesen Sie bitte auch hier


Es gibt dafür das Konto:


PAMINA Magazin
Konto: 108148750
BLZ: 660 501 01
Sparkasse Karlsruhe Ettlingen
IBAN: DE71 6605 0101 0108 1487 50
BIC: KARSDE66

oder über PAYPAL:


Hörbücher zur klassischen Musik

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum