03.02.12
Kunstvoller Fluss der Bilder
Zur B-Premiere von "Romeo und Julia auf dem Dorfe" am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Von Christine Gehringer

2012 ist musikjubilarisch gesehen ein so genanntes "Zwischenjahr" - und ein solches Jahr schafft Raum für so manche Kleinode, die es (noch) zu entdecken gilt, bevor dann in der kommenden Saison die beiden Opern-Giganten Wagner und Verdi vermutlich durchweg die Spielpläne beherrschen werden.

Die Musik von Frederick Delius ist ein solches Kleinod. Vor kurzem jährte sich sein Geburtstag zum 150. Mal; dieses Jubiläum wäre im Gedenkjahr bekannterer Komponisten wahrscheinlich untergegangen.
Delius wurde in eine ursprünglich deutsche Unternehmerfamilie hineingeboren, die im englischen Spinnereigewerbe Fuß zu fassen versuchte; mit 22 Jahren wanderte er nach Florida aus und übernahm dort eine Orangenplantage. Später ging er nach Paris und gehörte bald zu den dortigen Künstlerkreisen, in denen Maler und Musiker ein und aus gingen.
Dieser kosmopolitische Hintergrund prägte einen ganz eigenen, überaus farbigen tonmalerischen Musikstil, und es ist eine interessante Parallele, dass vor 150 Jahren ebenso Claude Débussy geboren wurde - denn die Leuchtkraft und der Klangzauber des französischen Impressionisten färbte auch auf die Musik von Frederick Delius ab.

"Romeo und Julia auf dem Dorfe", Badisches Staatstheater KarlsruheEine Tondichtung in bildreichen Tableaus ist die Oper "Romeo und Julia auf dem Dorfe", 1907 an der Komischen Oper in Berlin uraufgeführt und derzeit am Badischen Staatstheater Karlsruhe zu sehen. Im Jubiläumsjahr der Staatskapelle ist dies wiederum ein beredtes Beispiel für die Qualitäten des Orchesters; abermals zeigt sich zudem, welch ein Glücksfall GMD Justin Brown für das Haus ist.

Ein rundum großartiger Wurf ist dem Badischen Staatstheater hier gelungen - eine Produktion, in der Musik und Bühne beispielhaft ineinander greifen. Auf der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller beruht dieses lyrische Drama in sechs Bildern; im Mittelpunkt die zarte Liebesgeschichte zwischen den Bauernkindern Sali und Vrenchen, deren Familien sich gegenseitig in einem erbitterten Streit um ein Stück Brachland ruiniert haben.

Diese Geschichte erzählt Frederick Delius mit jenem epischen Atem, der den Spätromantikern eigen ist, und er erzählt sie zudem mit ausgesprochenem motivischen Feinsinn: Musikalische Gedanken werden hier in ihre Spektralfarben aufgebrochen und immer wieder neu zusammengefügt, wodurch ein einziger, fließender Bilderbogen entsteht: Genau hier schreitet die Geschichte voran, genau hier wird zum Ausdruck gebracht, was der (stark gekürzten) Novelle zuvor an Worten weggenommen wurde.
Welch ein Glück, dass die Dresdner Regisseurin Arila Siegert im Tanztheater zu Hause ist. Denn sie bringt diesen Bewegungsfluss meisterhaft auf die Bühne: Umsichtig schafft sie jene Zeit, jene Zwischenräume, welche die Musik zu ihrer Entfaltung braucht; nicht nur in der überaus raffinierten (im Stile einer Choreografie entwickelten) Personenführung, sondern auch in den kreisenden Tableaus der Drehbühne. So, wie in der Musik Farben und Harmonien aquarellartig ineinander fließen, so wechseln auf der Bühne Bilder und Lebenssituationen. Und dennoch ist es kein Fluss, der eine wirkliche Veränderung aufzeigen könnte, denn die Bilder kreisen um sich selbst - wie in einem Labyrinth sind die beiden Liebenden in ihrer eigenen Lebensgeschichte, den Moralvorstellungen des Dorfes gefangen. Auch der schwarze Geiger, der die beiden wie ein verführerischer Dämonisch umkreist (als Chiffre für das Vagabundenleben), bietet dem Paar keine wirkliche Perspektive.

"Romeo und Julia auf dem Dorfe" am Badischen Staatstheater KarlsruheSchwarz und Grau sind im Übrigen auch die dominierenden Farbe dieser Inszenierung (Bühne: Frank Philipp Schlössmann; Kostüme: Marie-Luise Strandt, Licht: Stefan Woinke), sie grundieren - als düstere Vorahnung - selbst den Traum von der Hochzeit der beiden Liebenden, die am Ende nur im Tod zueinander finden können. Die plakativ hinein gestreuten Farbtupfer (etwa die rote Mohnwiese oder die grellbunte Jahrmarkt-Szene) sind deckungsgleich mit den musikalischen Farb-Effekten, ohne dabei deren Wirkung zu überlagern.
Diese von Szene zu Szene gleitende Choreographie eröffnet zudem eine weitere Perspektive, denn die Zeitlupen-Technik umgibt die Geschichte mit dem Hauch des Unwirklichen; in den zerdehnten, künstlich wirkenden Gesten des Paares kommt immer wieder zum Ausdruck, dass die beiden niemals zueinander finden werden - die gelebte Realität entpuppt sich als Trugbild. Von Beginn an wird somit klar, dass die beiden in einer anderen Welt zu Hause sind.

Auch die sängerischen Leistungen lassen kaum Wünsche offen. Zwar hat Sali-Darsteller Steven Ebel (der ab der Saison 2012/13 dem Ensemble angehören wird) anfangs an einigen stellen mit der Höhe zu kämpfen, jedoch stabilisiert sich dies im Laufe des Abends. Viel Beifall erhält Ekaterina Isachenko, ebenfalls Gastsängerin, die der Figur des Vrenchen nicht nur mit darstellerischer Anmut, sondern auch mit einem klangschönen lyrischen Sopran begegnet. Bemerkenswert souverän ist außerdem die Leistung von Florian Heidecker, Knabensopran in der Jugendkantorei "Cantus Juvenum" und Darsteller des jungen Sali, ebenso wie die Leistung von Larissa Wäspy, die dem Opernstudio angehört und "Vrenchen als Kind" verkörpert.
Auch das übrige Ensemble überzeugt durchweg: etwa Gabriel Urrutia Benet als zwielichtiger schwarzer Geiger, dazu die Bauern Manz (Edward Gauntt) und Marti (Lucas Harbour), die sich in unversöhnlicher Härte gegenüber stehen, und nicht zuletzt der Opernchor unter der Leitung von Ulrich Wagner.
Diese Produktion ist Musiktheater vom Feinsten.
(Fotos: Jochen Klenk; A-Premiere)


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