22.12.08 Ein spirituelles Konzerterlebnis Sylvain Cambreling und das SWR Sinfonieorchester mit Messiaens "Streiflichter auf das Jenseits" im Festspielhaus Baden-Baden
Von jeher hat sich das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (bzw. der frühere Klangkörper des Südwestfunks) um die zeitgenössische Musik verdient gemacht – auch das Werk des französischen Komponisten Olivier Messiaen spielt dabei eine Rolle.
Im Festspielhaus beschloss das Orchester nun das Messiaen-Gedenkjahr mit dessen letztem vollendeten Werk, den „Eclairs sur l’ Au-delà“ („Streiflichter auf das Jenseits“) - uraufgeführt erst nach Messiaens Tod im Jahr 1992.
Diese Streiflichter sind musikalischer Ausdruck von Glaubensinhalten - eine Art klangliche Entsprechung der katholischen Mysterien. Olivier Messiaen, der 61 Jahre lang als Organist an der Pariser Kirche Sainte-Trinité tätig war, schrieb keine liturgische Musik, dafür aber Musik, die er als Abbild göttlicher Ordnung ansah: Rhythmus und Klangfarbe als Symbol für die Ewigkeit; das Ganze bereichert durch antike Vorbilder und Klänge aus der Natur, welche der Ornithologe Messiaen detailgenau den verschiedensten Vogelarten abgelauscht hat.
Sylvain Cambreling, Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters, führte seinen Klangkörper nicht nur durch eine großartige Aufführung, sondern bereitete das Publikum auch ebenso umsichtig darauf vor: Knapp und präzise, dazu mit Charme und bildhafter Sprache lenkte er das Augenmerk auf jeden der elf Sätze; das Orchester untermalte mit Klangbeispielen: Eine vorbildliche Art der Konzerteinführung – und eine perfekte Einladung, sich auf jenes komplexe, geistige Werk wirklich in aller Tiefe einzulassen.
Dieses Werk bewegt sich zwischen festen, aber bisweilen übereinander geschichteten Rhythmen und frei schwingenden Melodien mit changierenden Farben – im Grunde wie bei einer Kathedrale, deren durch Glasfenster aufgebrochene Fassaden auf großen Säulen und Strebepfeilern ruhen.
Es beginnt mit der Erscheinung des verklärten Christus, nach einem Text in der Offenbarung des Johannes; diese Christusgestalt wird symbolisiert durch feierliche Bläser, die sich in einem mächtigen Choral allmählich nach vorne wälzen und ihre Bewegungsrichtung allein durch die Dynamik erhalten – denn die Klänge an sich wirken statisch, fest, allgegenwärtig: Ein Kreisen, das sich im Verlauf des Werks mehrmals wiederholen wird. Den zweiten Satz, das „Sternbild des Schützen“ begleiten dicht am Steg gespielte, klirrende Streicherklänge; Glissandi und Flageoletts illustrieren den Sternennebel. Beeindruckend ist unter anderem der fünfte Satz, der als vollkommener Ruhepunkt zwischen aller Geschäftigkeit steht: „In der Liebe bleiben“ heißt diese Episode; die Musik wird weich ersonnen, sie entwickelt sich aus dem Nichts, schwebt als ewiger, zeitloser Klang im Raum.
Dieses Schweben ist charakteristisch für das Stück: Denn trotz eines üppigen Orchesterapparats hat es insgesamt keine massive, dichte Struktur - vielmehr liegen die Stimmen der einzelnen Instrumentengruppen völlig frei, als fein gesponnenes, fragiles Gewebe. Ein betörendes Schimmern der Streicher beherrscht auch den siebten Satz, der den Trost spendenden Gott in den Vordergrund stellt; kurz darauf verdichten die Stimmen zu einem einzigen, großen Jubelgesang; 16 Vogelarten mischen sich darunter, alles bebt, pocht.
Den Vogelstimmen sind ganze Sätze gewidmet: Zum Beispiel dem australischen Prachtleierschwanz oder Vögeln aus allen Erdteilen, die von den Bäumen des Lebens singen: alle gleichzeitig und jeweils nach anderen rhythmischen Mustern – eine herausragende Leistung der dicht besetzten Holzbläsergruppe.
Am Ende kontrastieren Klänge, die sich wild nach oben schrauben (der schwierige Weg zum ewigen Leben), mit einem geradezu entrückten Strömen: Man spürt, wie hier plötzlich alle Last des Werks abfällt. Wahrhaft paradiesische Töne - die Musik als ewiges Licht: Sylvain Cambreling und die Musiker des SWR Sinfonieorchesters bescheren den (leider nur sehr wenigen Zuhörern) ein spirituelles Konzerterlebnis.