23.12.11
Wegkreuzungen im Leben Johann Sebastian Bachs
Christian-Markus Raiser spielt Werke von Johann Sebastian Bach, seinen Schülern und Zeitgenossen

Von Monika Kursawe

Musikalische Wegkreuzungen im Leben Johann Sebastian Bachs hat sich der Organist Christian-Markus Raiser zum Thema seiner gleichnamigen CD gemacht. Und Wegkreuzungen finden sich zur Genüge im Leben des großen, alten Meisters.

Wegkreuzungen im Sinne von Entscheidungen, die über den weiteren Lebensweg bestimmen, waren im Leben Johann Sebastian Bachs natürlich immer von Musik begleitet. Viele Ortswechsel gibt es bereits im Leben des jungen Johann Sebastian Bach; später steht er auch an Wegkreuzungen, an denen er alleine weiter gehen muss, weil seine Schüler oder Söhne einen anderen, eigenen Weg einschlagen.

Christian-Markus Raiser hat sich dazu entschlossen, diese Wegkreuzungen darzustellen, in dem er zunächst drei große Orgelwerke Johann Sebastian Bachs (das Choralvorspiel „Nun, komm, der Heiden Heiland“, BWV 659, die „Pastorella“ BWV 590 und „Pièce d‘orgue, auch genannt „Fantasie in G-Dur“ BWV 572), neben zwei Kompostionen von älteren, französischen Kollegen Bachs stellt: Louis Marchand und Nicolas de Grigny. Diese fünf Werke werden ergänzt durch fünf Werke von Schülern Bachs (Johann Gottfried Müthel, Gottfried August Homilius, Johann Ludwig Krebs, Johann Christian Kittel und Carl Philipp Emanuel Bach), von denen einer sogar sein Sohn ist.

Diese Zusammenstellung ist in vielerlei Hinsicht interessant und gelungen. Zum Einen wird hier ein großes Spannungsfeld offenbar - schon dadurch, dass einer seiner beiden französischen Kollegen, Nicolas de Grigny, ein großes Vorbild Bachs ist, während Louis Marchand schon zu Lebzeiten als ein Konkurrent Bachs galt.

Zahlreiche Anekdoten ranken sich denn nun auch um das Verhältnis zwischen den beiden großen Komponisten und Organisten Johann Sebastian Bach und Louis Marchand. Eine davon, die sich so wohl auch tatsächlich abgespielt hat, ist die, dass sich Louis Marchand einem Wettspiel auf der Orgel mit Bach in Leipzig entzog, in dem er einfach früher abreiste.
Das klingt zunächst sehr unprofessionell und stieß vermutlich auch damals nicht auf großes Verständnis. Louis Marchand, der schon seit seiner Kindheit als Wunderkind auf der Orgel galt, hatte dafür aber vermutlich einen guten Grund: Bach hatte schon 1717 eine Methode entwickelt, eine Orgel so einzurichten, dass sie der temperierten Stimmung - die ja heute bei allen Tasteninstrumenten üblich ist - ganz nahe kam.

Bach hatte dadurch spieltechnisch unglaubliche Möglichkeiten, er konnte zum Beispiel in einem Stück durch mehrere verschiedene Tonarten modulieren - das blieb Marchand verwehrt, da er nicht im Stande war, seine Orgel temperiert zu stimmen. So muss ihm bewusst gewesen sein, dass er in diesem Wettbewerb nur verlieren konnte und seinem Konkurrenten Bach gnadenlos unterlegen war. Kein Wunder, dass er sich einer solchen Niederlage nicht aussetzen wollte.

Nicolas de Grigny dagegen gilt als ein großes Vorbild von Johann Sebastian Bach. Grignys Fähigkeiten als Organist und Komponist müssen Bach nachhaltig beeindruckt haben. Das „Livre d‘orgue“ (die einzige erhaltene Komposition des viel zu früh, mit 31 Jahren, verstorbenen Grigny) wurde von Johann Sebastian Bach handschriftlich kopiert - und als Inspirationsquelle zu eigenen, sehr individuellen Werken genutzt.

Auch die Wegkreuzungen, die sich auftun, wenn die Schüler Bachs eigenen Richtungen einschlagen, sind auf der CD wirkungsvoll dargestellt. Durch die Auswahl dieser Schüler ergibt sich musikalisch gesehen eine riesige Entwicklungsspanne.

Die Schüler - allen voran Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel Bach - bewegen sich oft schon in einer stilistisch völlig anderen Welt. Ganz deutlich klingt hier bereits die Frühklassik, der „empfindsame Stil“ an, der weniger durch große Gesten und polyphone Überladenheit geprägt ist, sondern vielmehr durch einen starken subjektiven Gefühlsausdruck - mit leichter überschaubaren melodischen Bögen. Der Generalbass wird weniger wichtig, dafür treten Seufzer-Figuren in Erscheinung, die später typisch für Mozart oder Haydn sind.

Gerade für Fans der „Königin der Instrumente“ ist diese CD mit Sicherheit eine echte Bereicherung, aber auch Orgel-Neulinge werden daran ihre Freude haben können - dank einer spannenden, abwechslungsreichen Mischung, deren Logik absolut besticht.

Und obwohl Carl Philipp Emanuel Bach seinerzeit gesagt haben soll, „sein Vater sei ein Meister in der Kunst des Registrierens gewesen - und diese Kunst sei mit ihm gestorben“ - kann man mit Recht behaupten, der Kantor und Organist an der Stadtkirche Karlsruhe, Christian-Markus Raiser, beherrscht diese Kunst ebenfalls vorzüglich.

Erschienen ist die CD "Wegkreuzungen im Leben Johann Sebastian Bachs" bei "organum-classics".


Hier geht's zum PAMINA Klassik-Podcast (MP3); zum Download klicken Sie bitte mit der rechten Maustaste auf den Link und wählen mit "Ziel speichern unter" einen Speicherort.

Zum Anhören auf der Website: Klicken Sie bitte auf das Play-Symbol des gewünschten Mediaplayers (oben: Windows Media/ unten: Real Player)








zurück zur Hauptseite

zurück zu "CD-Rezension"



Links zum Thema

Evangelische Stadtkirche Karlsruhe




PAMINA Magazin braucht Ihre Unterstützung.
Es gibt dafür das Konto:



PAMINA Magazin
Konto: 108148750
BLZ: 660 501 01
Sparkasse Karlsruhe Ettlingen
IBAN: DE71 6605 0101 0108 1487 50
BIC: KARSDE66

oder über PAYPAL:



Hörbücher für klassische Musik

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum