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11.06.09
Erlebnis Musik
Ein kompakter, detaillierter Gang durch die Musikgeschichte
Der Titel verheißt, was Musik im Idealfall sein kann: Ein Erlebnis.
„Erlebnis Musik“ lautet deshalb der Leitfaden des Oberkircher Musikwissenschaftlers und Musikspychologen Dr. Stefan Schaub, und dass damit eigentlich eine Einführung in die Musikgeschichte gemeint ist, steht erst in der Unterzeile – ein Buch also, das nicht in erster Linie eine trockene wissenschaftliche Abhandlung sein möchte, sondern sich an den „aktiven Musikhörer“ richtet, der seine Hörerlebnisse gerne mit etwas Hintergrundwissen anreichert.
Und so stellt Stefan Schaub seiner Musikgeschichte erst einmal ein Kapitel voran, in dem er zum bewussten Musikhören ermuntert, denn: „Wer botanisch gänzlich unbedarft durch eine Frühlingswiese stapft, findet vielleicht die eine oder andere Blume schön,“ schreibt er und verrät, was im Vergleich dazu ein Kenner empfindet: „Er wundert sich,
dass diese Pflanzen zu dieser Jahreszeit überhaupt schon da sind, andere haben wohl von dem langen Frost zuviel abbekommen, die nächsten waren überhaupt noch nie so herrlich anzusehen.“
Wer also aktiv hört und sich mit klassischer Musik etwas genauer beschäftigt – der sollte mehr bekommen als nur jenen „Genuss“, der oftmals von privaten Stimmungen abhängig ist. Das wirft auch gleich die Frage nach der Wahrnehmungspsychologie auf, welcher Schaub am Ende seines Buches ein ganzes Kapitel widmet. Aber auch auf die Frage nach bedeutendem Repertoire und die Probleme der Musikgeschichtsschreibung geht Schaub ein: In diesem Kapitel erfährt man, dass der geläufige Epochenbegriff der „Klassik“ im Grunde problematisch ist, da „klassisch“ einen Wert darstellt. Zur „Klassik“ gehören deshalb die ewig gültigen Haydn, Mozart und Beethoven, nicht aber deren eher unbekannte Zeitgenossen. Genauso wenig ist es gerechtfertigt, den Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel nur zum „Steigbügelhalter“ zu degradieren, was sich aber im Allgemeinen zwangsläufig ergibt, weil er in die so genannte „Vor-Klassik“ fällt. Und Beethoven war Vollender und Vorreiter zugleich – was wiederum zeigt, dass sich die tatsächliche Musikgeschichte fließend und nicht entlang epochaler Zäsuren vollzogen hat.
Deshalb findet Schaub zu einer ganz eigenen Form der Geschichtsschreibung, und es gelingt ihm, die Entwicklungen vom Altertum bis in die Neuzeit auf handlichen 250 Seiten sehr umfassend darzustellen: Von den Instrumenten des antiken Griechenland und den damit verbundenen Tonsystemen, hin zur Gregorianik und danach zur Mehrstimmigkeit.
An dieser Stelle folgt in der gängigen Literatur dann normalerweise ein Kapitel zur Epoche des „Barock“; bei Stefan Schaub folgt „das italienische Zeitalter“. Das trägt erstens der Tatsache Rechnung, dass sich in Italien damals die bedeutenden Musikzentren befanden, gleichzeitig deutet dies auf Entwicklungen hin, deren Vielfalt Schaub nicht einfach mit dem grundlegenden Begriff „Barock“ umschreiben möchte. Spätestens die „Romantik“ würde dann ohnehin den Rahmen sprengen.
Eine solche Einteilung hat Vorteile: Sie richtet den Blick auf das, was man in anderen Abhandlungen oft nur verknappt oder zusammenhanglos erfährt, und sie lässt Freiräume zu: Beispielsweise gibt es ein Kapitel über "neue ästhetische Kategorien" im 19. Jahrhundert, die unser Hören und unser Konzertrepertoire noch heute beeinflussen. Daneben enthält das Buch viele Notenbeispiele und übersichtliche Zusammenfassungen in grau unterlegten Kästen; Fakten und Theorien sind zudem mit einer Fülle von Zitaten belegt. Diese sind zwar manchmal etwas ermüdend in ihrer Länge, aber wer sich schneller informieren möchte, kann sie auch getrost überblättern.
Das Buch verzichtet im Übrigen auf eine „geglättete“ Sprache, die sich davor fürchtet, Nicht-Fachleute mit Fachbegriffen zu konfrontieren. Dennoch aber ist es verständlich geschrieben, und Begriffe wie beispielsweise „Homophonie“ und „Polyphonie“ sind recht anschaulich erklärt.
Insgesamt ein kompakter Führer durch die Musikgeschichte, den man weglegt mit dem Gefühl, in kurzer Zeit viel erfahren zu haben.
(Stefan Schaub: Erlebnis Musik - Eine kleine Musikgeschichte; erschienen bei Bärenreiter/dtv, Taschenbuch, 257 Seiten, Preis: 9 Euro).
Hinweis: Wenn Sie sich für die Seminare des Autors interessieren, gelangen Sie unter "Links zum Thema" auf die entprechenden Internetpräsenz.
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